15.10.2015

Familiensynode

Theologische Vorreiter

Der britische Kardinal Vincent Nichols hat ausgesprochen, was unübersehbar war: Die Stellungnahme der deutschsprachigen Arbeitsgruppe der Bischofssynode ist die theologisch ausgefeilteste. 

Denn mit den Kardinälen Walter Kasper, Reinhard Marx und Christoph Schönborn auf der einen Seite und dem Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, auf der anderen sind in dieser Gruppe prominente Wortführer in der Debatte über eine Aktualisierung der kirchliche Ehelehre.

Die anderthalbseitige deutschsprachige Stellungnahme zum zweiten Teil des Arbeitspapiers der Synode ist ein theologische Abhandlung auf höchstem Niveau. Sie kreist um die Frage: Wie verhalten sich Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, Seelsorge und kirchliche Lehre, konkrete Situation und allgemeine Norm zueinander.

 

Kasper, Müller und Thomas von Aquin

Wer hat sich nun durchgesetzt, Kardinal Kasper, der Vordenker eines «Wegs der Barmherzigkeit», oder Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, der bislang auf eine strikte Anwendung des Unauflöslichkeitsprinzips für die Ehe pochte? Diese Frage stellten sich am Mittwoch viele Beobachter. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die theologische Schlüsselstelle des Textes, in der Thomas von Aquin (1225-1274) zitiert wird. Kasper veröffentlichte im Juni einen Aufsatz, in dem er seinen Vorschlag, im Einzelfall wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zuzulassen, just mit diesem bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenlehrer umfassend theologisch untermauerte. Seine damalige Argumentation findet sich nun in verkürzter Form in der Stellungnahme wieder.

Die Kernaussage lautet: Man darf nicht jede konkrete Situation nach einem allgemeinen Prinzip beurteilen, ohne die jeweiligen Umstände angemessen zu würdigen. Denn Gerechtigkeit und Barmherzigkeit seien keine Gegensätze, sondern müssten «mit Klugheit und Weisheit» auf die jeweilige, oft komplexe Situation angewendet werden. Die deutschsprachige Gruppe betont zugleich, dass ein «Spannungsverhältnis» zwischen einer «notwendigen Klarheit der Lehre von Ehe und Familie» und der seelsorgerischen Aufgabe «unausweichlich» sei.

 

Andere Berichte bieten bunten Ideenstrauß

Die zwölf weiteren Zwischenberichte bieten hingegen einen bunten Strauß allgemeiner Vorschläge und konkreter Änderungswünsche. Mehrfach findet sich die Forderung nach einer verständlicheren und positiveren Sprache der Kirche. Wiederholt wird etwa die Redeweise von der «Unauflöslichkeit der Ehe» als zu negativ kritisiert.

Die von Kardinal George Pell geleitete englischsprachige Gruppe wünscht sich ein Abschlussdokument des Papstes nach dem Ende der Synode. In die Richtung der deutschsprachigen Stellungnahme geht der Vorschlag der spanischsprachigen Gruppe, die von Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga gleitet wird: «Man sollte den Akzent auf die Gradualität und Prozesshaftigkeit setzen», heißt es darin mit Blick auf Ehe und Familie. Der spanische Sprachzirkel vermisst im Arbeitspapier «Themen wie Keuschheit, Jungfräulichkeit, Heiligkeit und Spiritualität» der Familie.

 

Kardinal Müller: Über Einzelfälle diskutieren

Wiederverheiratete Geschiedene werden in der deutschsprachigen Stellungnahme zwar nicht ausdrücklich erwähnt. Die Rede ist nur allgemein von Menschen, «die in ihrer Lebensführung nur teilweise mit den Grundsätzen der Kirche übereinstimmen». Ausdrücklich auf der Tagesordnung steht das Thema erst in den kommenden Tagen. Doch das theologische Fundament für eine mögliche Einigung in der Debatte um den kirchlichen Umgang mit Wiederverheirateten dürfte damit gelegt sein. Aufhorchen ließ eine Aussage Müllers zu diesem Thema in einem Zeitungsinterview: «Man kann über die Umstände in Einzelfällen diskutieren, eine generelle Regelung ist nicht möglich.» Das hatte Müller öffentlich so noch nicht gesagt. Dementiert hat er diese Äußerung bislang nicht.

Thomas Jansen (kna)