Mit harten Bandagen

Streit im Malteserorden

Der deutsche Adelige, Albrecht Freiherr von Boeselager, ist von seinen Ämtern als Großkanzler im Malteserorden enthoben worden. Großmeister Matthew Festing setzte bereits einen neuen Großkanzler ein - Boeselager wehrt sich jedoch gegen seine Absetzung. Was ist geschehen?

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Vom Forte de Santo Ângelo aus errichteten die Malteser im 16. Jahrhundert die Haupstadt Valletta auf Malta. Foto: KNA

Für den englischen Großmeister Matthew Festing ist die Sache klar. Er hat den Deutschen Albrecht Freiherr von Boeselager vor knapp zwei Wochen als Großkanzler des Souveränen Malteserordens abgesetzt und einen Nachfolger präsentiert: den aus Malta stammenden John Critien (67). Doch von Boeselager lässt die Sache keineswegs auf sich beruhen. Er sieht sich verunglimpft - und weiter im Amt. Die Ordensverfassung sei durch seine Absetzung verletzt worden.

Noch ist nicht wirklich klar, was sich hinter den Kulissen tatsächlich zugetragen hat. Die Darstellungen Festings und von Boeselagers klaffen maximal auseinander. Der Großmeister begründet die Entlassung mit "schwerwiegenden Problemen", die während Boeselagers Zeit als Hospitalier des Ordens aufgetreten seien, die dieser aber verschwiegen habe. Als Hospitalier war Boeselager von 1989 bis 2014 für die Koordination der humanitären Hilfe verantwortlich.

Boeselager selbst schreibt, ihm werde der Einsatz von Kondomen zur Aids-Verhütung in einem Programm von Malteser International (MI) in Myanmar vorgeworfen. Es habe dort drei Programme mit Vergabe von Präservativen gegeben, die die Landesverantwortlichen "ohne Kenntnis der Zentrale aufgenommen" hätten. Zwei davon habe man nach einer internen Revision sofort eingestellt. Beim dritten sei zunächst eine interne Ethikkommission eingeschaltet worden. Letztlich sei auch dieses Projekt nach einer Intervention der Glaubenskongregation gestoppt worden.

Boeselager sagt, er habe immer wieder betont, dass er sich an die kirchliche Lehre gebunden fühle und Entscheidungen der kirchlichen Autoritäten akzeptiere. Es sei absurd, aus diesem Fall den Vorwurf herzuleiten, er würde die kirchliche Lehre zu Familie und Sexualität nicht anerkennen. Kurioserweise wies Großmeister Festing zuletzt zurück, dass die Kondom-Episode den Ausschlag gegeben habe; diese Angelegenheit sei bereits seit drei Jahren ausgeräumt.

So oder so: Boeselager, seit 40 Jahren Mitglied des Ordens, ist sauer. Das Verfahren zu seiner Amtsenthebung entbehre "jeder rechtlichen Grundlage", heißt es in einer persönlichen Stellungnahme. Er werde sich wegen zahlreicher Regelverstöße an das Ordensgericht wenden.

Was sagt der Vatikan?

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Großmeister Matthew Festing mit Papst Franziskus
im Juni 2016 bei einer Audienz im Vatikan. Foto: KNA

Interessant dürfte die Rolle des Heiligen Stuhls werden. Boeselager rechnet auch dort mit einer Untersuchung des Falls, da auch der religiöse Charakter des Ordens betroffen sei. Der Großmeister behaupte fälschlicherweise, es habe eine Forderung des Heiligen Stuhls zum Rücktritt gegeben. Es gebe aber eine schriftliche Bestätigung aus dem Vatikan, dass eine solche Forderung nie erhoben worden sei.

Unklar ist auch die mögliche Rolle von US-Kardinal Raymond Leo Burke, Kardinalpatron des Ordens. Der 68-Jährige wurde erst 2014 von Papst Franziskus dorthin versetzt. Zuvor - und auch danach - machte Burke vor allem mit franziskuskritischen Statements Schlagzeilen.

Der geschasste Boeselager wertet das Vorgehen von Großmeister Festing als autoritär. Festing habe allen Mitgliedern, die mit dem Vorgehen nicht einverstanden seien, nahegelegt, aus dem Orden auszutreten. Wer öffentlich Kritik äußere, müsse mit Disziplinarmaßnahmen rechnen. Das erinnere ihn "mehr an ein autoritäres Regime als an religiösen Gehorsam", schreibt der Freiherr.

Der beschädigte Ruf eines prominenten deutschen Adligen dürfte der ohnehin bunten Geschichte des Ritterordens einen neuen Mosaikstein hinzufügen. Italienische Kaufleute gründeten 1048 in Jerusalem eine Hospitalbruderschaft, um Pilgern und Kreuzrittern Schutz und Hilfe zu geben. Daraus entwickelte sich bis 1099 ein geistlicher Orden. 1113 verlieh Papst Paschalis II. der «Bruderschaft vom Hl. Johannes dem Täufer» Privilegien - und legte so den Grundstein für ein Imperium.

Heute fühlt sich der Orden autonom wie ein Staat - und wird heute von rund 80 Ländern als Subjekt des internationalen Rechts anerkennt. Zu seinem Gebiet gehören rund 6.000 Quadratmeter exterritorialen Gebietes auf dem römischen Aventin. Damit ist der Orden der kleinste Staat der Welt - kleiner als der Vatikan: mit eigenem Autokennzeichen (SMOM), Briefmarken und Beobachterstatus bei der UNO, im Europarat und der EU.

Derzeit ist der Malteserorden mit 13.500 Rittern und rund 80.000 freiwilligen Helfern in 120 Ländern eine der größten Hilfsorganisationen der Welt. Von der Via Condotti aus koordiniert die Regierung des spendenfinanzierten Imperiums Hilfsprojekte. Weltweit besitzt oder betreibt der Orden Kliniken, Altenheime, Notfallstationen und Sozialeinrichtungen. (KNA)