Schuhe aus im Gottesdienst

Faszinierend, irritierend, lehrreich: Pastorale Mitarbeiter aus dem Bistum Osnabrück erfahren Weltkirche auf einer Reise nach Indien – und lernen, dass katholisches Leben auf dem Subkontinent nicht nach unseren Regeln abläuft.

Die Indien-Reisegruppe aus dem Bistum Osnabrück in einer Kapelle in Bangalore. Fotos: Thorsten Krallmann/privat

Es gibt diesen Moment, so skurril, dass Claudia Suffner und Thorsten Krallmann jedes Mal lachen müssen, wenn sie davon erzählen: Ein Gottesdienst in Bangalore, die Kirchentür ist weit geöffnet – da platzt in das Hochgebet des Priesters der Ruf des Muezzin. Das muslimische Gebet schallt in die Kirche hinein, in der gerade ein Paar getraut wird. Aber niemand lässt sich stören und aus der Ruhe bringen. Die Religionen, stellen die Indienreisenden nicht zum ersten Mal fest, kommen offensichtlich gut miteinander aus.

Thorsten Krallmann ist Pastoralreferent in der Pfarreiengemeinschaft Belm und Icker. Claudia Suffner arbeitet als Gemeindereferentin in Kirchweyhe, Syke, Brinkum, Hoya und Bruchhausen-Vilsen – südlich von Bremen. Für beide ist nicht nur der Beruf relativ neu, sondern auch das faszinierende und manchmal irritierende „Erlebnis Weltkirche“. Indien – der riesige Subkontinent hat auch in sprachlicher, kultureller und religiöser Hinsicht ungeheuer viel zu bieten. Hindus, Muslime, Christen, Juden, Sikhs, Buddhisten und Menschen anderer Religionen leben zum Teil seit Tausenden von Jahren zusammen.

Für die Studienreise des Bistums (siehe „Zur Sache“) wurden mit Bangalore im Süden und Rishikesh im Norden zwei völlig verschiedene Regionen ausgewählt. In Bangalore, der drittgrößten Stadt Indiens mit knapp zehn Millionen Einwohnern, fühlen sich Claudia Suffner und Thorsten Krallmann zunächst „wie erschlagen“: die Menschenmassen, der chaotische Straßenverkehr, der Dreck, die Armut.

Sie lernen zum Beispiel die Riten der katholischen Kirche Indiens kennen, tief verwurzelt in der Kultur des Landes und besonders reich an Gesten und Bräuchen. Die Gläubigen betreten die Kirche ohne Schuhe und alle, auch der Priester, sitzen auf dem Boden – kein abwechselndes Stehen, Sitzen und Knien während des Gottesdienstes. Selbst Jesus wird oft im Lotussitz in Meditationshaltung abgebildet. Die Gesänge erklingen in Mantraform, begleitet von Gitarre und Percussioninstrumenten.

Landestypische Traditionen, vermischt mit dem Katholizismus

Inkulturation – dieser Begriff erschließt sich Thorsten Krallmann in Indien. „Vieles, was uns im liturgischen Ablauf begegnet ist, hat damit zu tun“, sagt er. Das heißt: Bei den Ritualen greift man auf Bekanntes zurück und übernimmt es in den Messablauf. So wird beispielsweise rituell viel Licht und Feuer eingesetzt wie im Hinduismus, oder man bekommt beim Segen Blütenstaub auf die Stirn gedrückt. „Landestypische Traditionen vermischen sich in guter Weise mit dem Katholizismus – was auch wichtig ist, weil es sonst nicht akzeptiert würde“, stellt Krallmann fest. Claudia Suffner lernt auch noch in anderer Hinsicht dazu: „Ich kann den Kulturschock, den indische Priester bei uns erleiden, nun besser nachvollziehen: dass sie ihre Art, Gottesdienst zu feiern und offen ihre Frömmigkeit zu leben, sehr vermissen.“

Das Kontrastprogramm erwartet die Gruppe aus dem Bistum Osnabrück in Rishikesh am Fuße des Himalaya. Das geistliche Zentrum zieht bis heute Menschen aus aller Welt an, die auf einer spirituellen Suche sind. In der überwiegend vom Hinduismus geprägten Region „fühlte ich mich sehr fremd mit meinem Glauben“, bekennt Thorsten Krallmann. Der Hinduismus akzeptiere andere Religionen. Aber es könne – familiär und beruflich – durchaus Folgen haben, wenn jemand zum christlichen Glauben konvertiere.

Einen Blick für die Weite der Religionen, für Inkulturation – das nimmt die Reisegruppe mit in den Alltag. Die Reise habe aber auch den eigenen Glauben gestärkt. „Die christliche Botschaft besagt, dass alle Menschen gleich sind. Ich muss mir mein Heil nicht selbst verdienen, sondern kann gelassen bleiben, auch was den Tod betrifft“, fasst Claudia Suffner zusammen.

Anja Sabel

 

 

Zur Sache

Das Bistum Osnabrück geht neue Wege im Bereich „Weltkirche“. Angehende Gemeinde- und Pastoralreferenten konnten bisher an einer weltkirchlichen Werkwoche teilnehmen. Das umstrukturierte Ausbildungskonzept bietet nun – als eine Möglichkeit – Studienreisen an, um Weltkirche hautnah zu erleben. Das jährliche Angebot wird auch für interessierte Mitarbeiter des Bistums geöffnet. Die erste Reise führte acht Teilnehmer nach Indien, begleitet von Regina Wildgruber, Bischöfliche Beauftragte für die Weltkirche, und Christian Adolf, Missionarische Dienste/missio.