15.03.2017

Geistliche Gemeinschaft aus Italien will sich im Bistum Osnabrück niederlassen

Qualifiziert fürs Familienleben

Die geistliche Gemeinschaft „Papst Johannes XXIII.“ teilt ihren Alltag mit benachteiligten Menschen. Die Entscheidung, ob die weltweit tätigen Mitglieder auch im Bistum Osnabrück ein Haus eröffnen, fällt in den nächsten Tagen.

 

Pfarrer Joachim Dau (links) führte Marina di Martino, den General-
verantwortlichen Paolo Ramonda (hintere Reihe), Andrea und Pier-
paolo Flesia durch das leerstehende Pfarrhaus St. Godehard in
Bremen. Foto: Ulla Frantzen

Einziehen oder nicht? Diese Entscheidung will sich Marina di Martino noch einige Tage durch den Kopf gehen lassen. Aber auf den ersten Blick gefällt der Italienerin das leerstehende Pfarrhaus St. Godehard im Bremer Stadtteil Hemelingen. Bis August vergangenen Jahres lebten dort vier Frauen des Säkularinstituts St. Bonifatius. Der Konvent musste aus Altersgründen geschlossen werden. Nun sieht es so aus, als bekomme der rote Backsteinbau bald neue Bewohner: Die geistliche Gemeinschaft „Papst Johannes XXIII.“ interessiert sich dafür und überlegt, ein Familienhaus einzurichten, in dem Ehepaare oder Einzelpersonen (zu zweit) mit benachteiligten Menschen in familiären Strukturen leben. Pfarrer Joachim Dau öffnete jetzt die Türen für einen ersten Besichtigungstermin und lernte Marina di Martino, die das Haus leiten soll, und drei weitere Gemeinschaftsmitglieder kennen.

Der Standort St. Godehard gehört zur Pfarrei St. Raphael im Bremer Osten. Pfarrer Dau freut sich, dass das Pfarrhaus nach dem Weggang der „Godehardschwestern“ wieder genutzt werden soll. Aber es  seien noch etliche Fragen offen bis zu einem möglichen Einzug, sagt er. So stehe die inhaltliche Ausrichtung des Familienhauses noch nicht fest. Dau weist darauf hin, dass das Gebäude mit seinen hohen Treppen zum Beispiel nicht für behinderte Menschen geeignet ist. Auch Absprachen mit dem Bremer Caritasverband und der Pfarrgemeinde seien wichtig. „Im Moment ist noch viel Gottvertrauen im Spiel“, sagt Joachim Dau.

Auch in Deutschland fallen Menschen durchs Raster

Eine gewisse Gelassenheit ist tatsächlich typisch für die Gemeinschaft „Papst Johannes XXIII.“ „Wir erkunden erst in Ruhe das Umfeld und entscheiden dann vor Ort, wer Hilfe braucht“, erklärt Andrea Flesia. Mit ihrem Mann Pierpaolo leitet sie selbst seit achteinhalb Jahren ein Familienhaus nahe Eindhoven in den Niederlanden. Dort kümmert sich das Ehepaar aktuell um entlassene Gefangene, Drogenabhängige, die einen Entzug hinter sich haben, und eine Flüchtlingsfamilie aus dem Jemen.

Die geistliche Grundlage der Gemeinschaft bilden fünf Schwerpunkte: das Leben mit Bedürftigen zu teilen, ein armes Leben zu führen, Räume für das Gebet und Meditation zu schaffen, ein Leben im Gehorsam und in geschwisterlicher Liebe zu führen. Marina di Martino und eine Gleichgesinnte wollen auch in Bremen ihren Alltag Gott, der Gemeinschaft und Hilfsbedürftigen widmen und sich auch in die Pfarrei einbringen.

Länder wie Deutschland verfügen bereits über gute soziale Netzwerke – „aber es gibt immer Menschen, die durchs Raster fallen, die niemand auffängt, die einsam sind“, sagt Pierpaolo Flesia. Er stellt klar: „Wir ersetzen keine Institutionen wie die Caritas, sondern ergänzen sie mit unserem Angebot des Zusammenenlebens. Unsere Qualifikation ist die Familie.“ Und: „Wir bringen sie wieder mit anderen Menschen in Kontakt.“

Kontakte ins Bistum Osnabrück knüpfte die weltweit verbreitete geistliche Gemeinschaft über Ottmar Steffan, den Caritas-Fachreferenten für weltkirchliche Arbeit in Mittel- und Osteuropa. In Russland gibt es vier Familienhäuser. Bischof Franz-Josef Bode hat eines davon, in Wolgograd, besucht und war beeindruckt. Die besondere Spiritualität, fand er, passe auch gut in unser Bistum. Bisherige Gespräche lassen erkennen, dass die Gemeinschaft der Einladung folgt, ein Haus zu eröffnen. Bis Mitte März hat sich die Gemeinschaft noch Bedenkzeit erbeten. Das Bistum wartet gespannt auf die Zusage.

Anja Sabel




 

 

Zur Sache

Die geistliche Gemeinschaft „Papst Johannes XXIII.“ ist eine italienische Gründung mit vielen Niederlassungen, bislang aber nur zwei in Deutschland (Gummersbach und Bonn). Sie ist diakonal ausgerichtet und möchte vor allem Lebensgemeinschaften mit benachteiligten Menschen bilden. Der italienische Priester und Religionslehrer Oreste Benzi gründete die Gemeinschaft 1968. Die heute etwa 1850 Mitglieder, vertreten in über 25 Ländern, wollen ihr Leben mit den Ärmsten teilen. In weltweit rund 500 Häusern leben sie als Familie mit denen, die sonst keine Familie haben: mit Pflegekindern, Menschen mit Behinderung, Suchtkranken, Obdachlosen, Strafgefangenen, Zwangsprostituierten, Müttern in Not, Flüchtlingen, Straßenkindern.

Weitere Informationen (auf Englisch) gibt es hier