09.03.2017

Beziehung pflegen trotz Kind

Nicht nur Eltern – auch ein Paar

Kaum sind Kinder da, vergessen viele Eltern, als Paar glücklich zu sein. Ihre Beziehung zu pflegen, ist aber das Beste, was sie für ihre Kinder tun können. Also lieber das Geld für einen Babysitter ausgeben, als für einen stressigen Besuch im Familienrestaurant, empfiehlt Autor Jesper Juul.

 

Ob mit einem romantischen Dinner zu zweit oder einer liebevollen Umarmung – Eltern sollten das Paarsein nicht vergessen. Foto: fotolia

Braune Knopfaugen strahlen, wenn die dreijährige Thea zwischen ihren Spielsachen durch das Wohnzimmer fegt. Die Kleine ist ein Wunschkind. Mama Silvia (38) und Papa Markus (47) tun viel für ihren kleinen Sonnenschein. Silvia arbeitet jetzt in Teilzeit, Markus kommt früher nach Hause, wenn Silvia noch zu tun hat. Denn Thea besucht zwar eine Kita, aber nur den halben Tag. Ausflüge, Vorlesen, Spielplatz – Markus und Silvia unternehmen oft und gerne etwas mit Töchterchen.

„Zeit für unser Kind zu haben, ist für uns selbstverständlich“, sagt Silvia. Aber zwischen Bauklötzen, Puppen und Sandkasten möchten Erwachsene auch mal andere Dinge tun. „Auszeiten brauche ich schon. Markus und ich schaffen uns kleine Inseln“, erzählt die Mutter. „Wir gehen Essen oder genießen einen Saunatag.“ Die Großeltern passen dann auf Thea auf. Wenn das Ehepaar unterwegs ist, sprechen sie meist über andere Themen, nicht nur über Kinder. Außerdem achten sie darauf, dass jeder Zeit für sich allein hat. „Manchmal schicke ich Markus zum Joggen“, sagt Silvia. Ihm falle es schwerer einzuschätzen, wann er Zeit für sich brauche. „Aber ich schaffe es auch nicht immer, mir Freiraum zu gönnen“, gibt die Mutter zu. Schon lange wollte sie allein einen Stadtbummel unternehmen. Bislang wurde nichts draus.

In einem Gefüge Familie, wo drei, vier, fünf Menschen mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und Sorgen zusammenleben, ist es nicht immer leicht wahrzunehmen, was jeder einzelne braucht. Nach zahlreichen Ratgebern rund um das Thema Kindererziehung hat der dänische Therapeut und Bestsellerautor Jesper Juul nun ein Buch vorgelegt, in dem es primär um die Situation der Eltern geht. In „Liebende bleiben“ werden verschiedene Gespräche mit Eltern über die Familien- und Paarsituation dokumentiert. Juuls Grundthese darin lautet: Das Beste, was Eltern für ihr Kind tun können, ist, gut auf die Beziehung aufzupassen. Denn Juul ist der Ansicht, geht es den Eltern gut, geht es auch den Kindern gut.

„Wut ist wunderbar: Sie zeigt, dass etwas nicht stimmt“

In den Gesprächen, die der Therapeut mit den Familien führt, macht er bei allem Alltagsstress und Problemen deutlich, wie wichtig es ist, sich bewusst zu machen, was man eigentlich möchte und dass man nicht nur Elternteil, sondern auch Partner ist.

In einem Beispiel hat die fünfjährige Lara ständig Wutanfälle. Im Gespräch kommt heraus, dass die Eltern unterschiedlich in der Erziehung agieren und sich darüber streiten, wer zu streng oder zu nachgiebig ist. Juul meint, die Wutanfälle der Tochter seien ein Hilferuf, weil sich die Eltern streiten. Jesper Juul ist überzeugt: „Wut ist kein Problem. Wut ist wunderbar“. Sie zeige auf, dass etwas nicht stimme. Juul erklärt, dass Kinder damit klarkommen, wenn die Eltern unterschiedlich sind: „Akzeptiere, dass dein Partner anders ist als du.“ Man solle sich nicht ständig streiten, wer was richtig oder falsch mache, sondern lieber nach Unterstützung fragen. „Von Eltern, die sich mit Empathie und Respekt begegnen, lernen Kinder, dass Menschen verschieden sind und dass das in Ordnung ist.“

Streit und angespannte Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen, ist in einer Familie nicht leicht. Sarah und Maik arbeiten beide daheim, einer ist abwechselnd für die Kinder zuständig. Das ist oft sehr anstrengend. Sarah schickt die Kinder zum Vater, wenn sie arbeiten muss und vertröstet sie. Juul ist das zu unkonkret. Er rät: „Sage: ,Ich will jetzt nicht mit dir reden oder spielen.‘ “ Unkonkretes wie „später“ erzeuge Gegenwehr, Kinder bräuchten klare Sätze. „Die Kinder erleben das am Anfang als Frustration, aber je konsequenter man sich an eine persönliche und klare Sprache hält, erfahren sie, dass diese Worte sie nicht als Person zurückweisen, denn nach der Rede- oder Kuschelzeit der Eltern sind Mama und Papa ja wieder für es da“, sagt Juul.

Akzeptieren, dass der Partner anders ist

Themen wie Trennung und Alkoholprobleme werden in „Liebende bleiben“ auch behandelt. Was machen derart schwierige Situationen mit der Familie, mit dem Partner? So rät Juul dem Vater, der nach einem Alkoholentzug mit depressiven Phasen zu kämpfen hat, dass er sich zurückziehen soll, wenn ihm alles zu viel wird. Das solle er aber mit seiner Partnerin besprechen und klären, wann sie es schafft, sich zeitweilig allein um die Kinder zu kümmern.

Auch wenn nicht jede Familie die gleichen Probleme hat, die im Buch thematisiert werden, so gibt es sicher Beschreibungen, die viele Eltern kennen. „Liebende bleiben“ ist ein sehr guter Denkanstoß auf Juuls gewohnt positive, konstruktive und freundliche Art, sich den eigenen Beziehungsstatus in der Familie genau anzusehen. Das Buch regt an zu hinterfragen, was man anders machen kann und wo man achtsamer sein könnte, ohne dass man sich schuldig fühlen muss. Ob romantisches Dinner zu zweit oder einfach mal den Partner in den Arm nehmen – Juul appelliert, das Paar-sein nicht zu vergessen.

Christine Schniedermann

Jesper Juul: „Liebende bleiben“, Verlag Beltz, 251 Seiten, 18,95 Euro