28.09.2015

Florian berichtet über seinen Freiwilligendienst in Uganda 2015/16

Neues aus Kahunge

Zwei junge Leute aus dem Bistum Osnabrück, die einen Freiwilligendienst im Ausland (FDA) absolvieren (2015 bis 2016), berichten an dieser Stelle über ihre Erlebnisse. Florian Fromme aus Fürstenau arbeitet in Kahunge, Uganda, in der Pfarrgemeinde mit und soll in der Grundschule Englisch unterrichten.

 

August
Ein traumhafter Abschied

Ein fröhlicher Abschied von den Schülern.

Plötzlich bin ich wieder in Deutschland. Zum Ende meines Freiwilligendien scheint die Zeit noch einmal besonders schnell gerannt zu sein! Die letzten Wochen waren ziemlich bewegend und unglaublich vollgestopft. Anfang Juli hat Diakon Joseph, mit dem ich ein Jahr zusammengelebt habe, seine Priesterweihe gefeiert. Nach dem großen Festgottesdienst in der Kathedrale in Fort Portal ging es weiter zum Haus von Joes Familie, wo mindestens 3000 Gäste bereits auf ihn warteten, die ihn frenetisch feierten. 

Es ist auch in Uganda keineswegs selbstverständlich, dass die Priesteramtsanwärter das Studium und die neue Lebenssituation bewältigen. Gerade in den Dörfern sind die Nachbarn besonders stolz auf ihren Bekannten, wenn er es dann doch geschafft hat! Die traditionelle Feier, inklusive speziellem Essen und Tänzen, war noch einmal ein großes Highlight.

Am schönsten war allerdings meine Abschiedsfeier in der Schule. Nachdem mich „meine Kids“ jeden Tag gefragt hatten, wann ich denn gehen müsse und ob ich nicht bleiben könne, musste ich mich leider irgendwann doch von ihnen verabschieden. Am Besuchstag der Eltern der 80 Internatsschüler fand eine kleine Feier für mich statt. Nachdem ich eine kleine Rede in der Lokal-Sprache gehalten habe, wurde ich von den Lehrern unter anderem mit einem Starter-Paket für die Zubereitung des traditionelle Essens in Deutschland ausgestattet, während der Schulchor für mich einen Abschiedstanz aufführte. Nachdem der offizielle Teil vorbei war, durften alle Schüler die improvisierte Tanzfläche stürmen, was natürlich große Freude auslöste. Auch der Kuchen, den ich mit unserem Holzfeuerofen gebacken hatte, löste Jubelstürme aus.

Am meisten habe ich mich aber über die kleinen persönlichen Geschenke meiner Schüler gefreut! Eine Woche lang bekam ich kleine Briefe und als Highlight zwei selbstgemachte Fußbälle aus Bananenblättern von meinen Schülern zugesteckt. Dass mir das den Abschied noch einmal schwerer machte, kann man sich wahrscheinlich vorstellen.

Nachdem ich mich dann auch im Gemeindehaus von meiner ugandischen „Familie“ verabschiedet hatte, wurde ich von Father Ben und zwei weiteren Begleitern zum Flughafen gebracht. Nach einer sechsstündigen Fahrt zum Flughafen habe ich ein letztes Mal gemütlich Nilbarsch gegessen und bin dann – typisch ugandische Gelassenheit – gerade so passend in den Flieger gestiegen.

Der Flug war im Vergleich zum Hinflug unspektakulär und beinahe erholsam. Nach einem Jahr Reiseerfahrung mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Uganda kann mich nun nichts mehr schrecken. Während des Flugs gingen mir natürlich so einige Gedanken durch den Kopf. Während ich vor einem Jahr noch mit einigen Ängsten und Sorgen vor dem Ungewissen und mit haufenweise negativen Afrika-Vorurteilen angekommen bin, vermisse ich Uganda nun ab dem ersten Schritt ins Flugzeug. Neben der Schule und meinen neuen Freunden werde ich vor allem die kleinen Dinge wie die Straßenhändler, das allgegenwärtige Tanzen oder die unzähligen bunten Vögel vermissen. 

Ein herzliches Willkommen zu Hause: Florian (2.v.r.) mit seiner Familie

Für knapp ein Jahr habe ich unglaublich wertvolle Erfahrungen machen dürfen! Ich habe tolle Menschen aus vielen verschiedenen Ländern kennengelernt, hatte neben meiner erfüllenden Arbeit in Kahunge auch die Chance, in Uganda herumzureisen und nehme unglaublich viel aus Uganda mit. Neben 15 000 Fotos und einigen Andenken sind das vor allem großartige Erinnerungen! 

Ob im kleinsten Dorf mitten im Nirgendwo oder im Gewusel der Millionenstadt Kampala: immer dabei waren zumindest in meinen Gedanken auch meine Familie, Freunde und Bekannten. Ihnen und allen anderen, die mich in diesem Jahr unterstützt haben, vor allem natürlich auch meiner Entsendeorganisation, dem Bistum Osnabrück, das mich bestens auf Uganda vorbereitet und stets begleitet hat, bin ich unglaublich dankbar!

Vor dem Ankommen in Deutschland habe ich erst einmal ziemlich Respekt. Plötzlich Wasser aus dem Wasserhahn trinken können, einen Arzt in der Nähe zu haben (glücklicherweise war ich in Uganda nie richtig krank!) und in der Menge untertauchen zu können (weil man als großer Weißer eben nicht auffällt) – es ändert sich so einiges für mich.

Als ich dann am Flughafen in Frankfurt meine Familie in die Arme schließen kann, freue ich mich doch auf Deutschland. Zu Hause angekommen, begrüßt mich schon von weitem ein Willkommens-Banner der Nachbarn. Das Gefühl, ein bisschen in einer anderen Welt gelandet zu sein, verfliegt schnell, als überraschenderweise meine Clique auftaucht. Als ich nachts todmüde ins Bett falle, träume ich dann aber doch wieder von Uganda ...

 

 

Juli
Wie sich die Armut auf den Schulalltag auswirkt / Baldiger Abschied von Kahunge

Schüler beim abendlichen Wasserholen

In diesem Blogeintrag möchte ich noch einmal über meine Schule, aber auch über den Einfluss von Armut auf den Schulalltag hier in Uganda zu sprechen kommen. Seit dem 1. September letzten Jahres lebe und unterrichte ich nun schon in Uganda. In diesem knappen Jahr hat sich in meinem kleinen ländlichen Dorf Kahunge unglaublich viel getan. Beinahe das halbe Dorf musste abgerissen werden, um Platz für eine geteerte Straße zu machen. Doch dadurch sind nun die größeren Städte in der Umgebung schneller zu erreichen, dutzende Shops wurden neu eröffnet und viel mehr Schüler kommen aus den Städten, in denen die Schulgebühren um einiges höher sind, in unser Dorf.

Kahunges Zentrum, in dem man die kleinen Shops und Restaurants findet und das unmittelbar von der asphaltierten Straße profitiert, hat circa 50 kleine Häuser. Allerdings fallen die offiziellen Zahlen der Lokalregierung bezüglich der Bevölkerung für den Bereich um Kahunge deutlich höher aus: So leben im gesamten Bereich in und um Kahunge (15 Kilometer in jede Richtung) angeblich 70 000 Menschen. Und doch erahnt man ihre Existenz nur schwer, weil sie, verborgen von Wäldern, in den ersten Ausläufern des Rewenzori-Gebirges leben und nur schwer erreichbar sind.
 

Wasserstelle

Denn die meisten dieser Familien leben in selbstgebauten Lehmhütten, die keinen Anschluss an Wasser-oder Stromnetzwerke haben. Sie ernähren sich von den Erträgen ihrer Landwirtschaft. Die Kinder, für die ihre Eltern das Schulgeld aufbringen können, müssen jeden Tag unglaubliche Strecken zu Fuß zurücklegen und sind vom Fußweg und dem erzwungenermaßen frühen Aufstehen total erschöpft, wenn sie in der Schule ankommen. Mal ganz abgesehen davon, dass sie meistens noch Aufgaben zu Hause haben wie das alltägliche Wasserholen etc.

Wenn aber zum Beispiel die Ernte schlecht ausfällt, weil es – wie in diesem Mai – zu wenig geregnet hat, kann es gut sein, dass Hunderte Schüler zum Beginn des Trimesters zu Hause bleiben müssen, weil die Eltern das Schulgeld von 50 000 Uganda Schilling (UGX), das entspricht 13,20 Euro, nicht aufbringen konnten – für uns eigentlich unvorstellbar.

In meiner Schule sind dann zwölf Lehrer, die von der Regierung zugewiesen wurden, für insgesamt 861 Schüler zuständig. Auf jeden Lehrer kommen also ungefähr 72 Schüler, so dass eigentlich nur Frontalunterricht stattfinden kann und das Korrigieren zur Qual wird. Vor meinen Kollegen habe ich Hochachtung, da sie tagtäglich ab 7 Uhr, wenn sie Aufsicht haben sogar schon ab 5 Uhr, bis spät in die Nacht hinein tätig sind und für 80 Internatsschülern, die wiederum von zusätzlichen Stunden profitieren, eine Ersatzfamilie darstellen (müssen).

Trotz dieses Umstandes kann meine Schule durchaus Erfolge vermelden: Im letzten Jahr haben 88 Kinder die 7. Klasse abgeschlossen und dürfen somit auf eine weiterführende Schule gehen. Diese Chance haben die meisten auch wahrgenommen.

Außerdem haben die Eltern der Kinder zusammengelegt, so dass der Lehmboden im Kindergarten jetzt durch einen betonierten Boden ersetzt werden konnte. So werden die Kleinsten nicht mehr so schnell dreckig und seltener von Parasiten befallen, die sich vorher im Staub viel zu wohlgefühlt haben.

Durch verschiedene Spenden und Eigenkapital konnte meine Schule weiterhin Sportmaterialien, Spiele für die Kleinsten, dutzende Schulbücher und neue Bänke kaufen, eine große Verbesserung, durch die der Run auf unsere Schule allerdings spürbar zugenommen hat. Hilfsorganisationen bieten außerdem kostenlose Fortbildungen für Lehrer an, die durchaus gut ankommen und jedes Mal für neue Impulse sorgen.
 

Die neue Reifenschaukel

Weiterhin sind die gespendeten Computer und Drucker ein großer Gewinn. So haben im Mai von der vierten bis zur siebten Klasse alle Schüler ihre erste Computer-Klausur sehr erfolgreich geschrieben und können jetzt schon ganz alleine kleine Texte verfassen. Außerdem kann nun jegliche Verwaltungsarbeit digital bearbeitet, können Briefe gedruckt und Klausuren vervielfältigt werden – ein unglaublicher Quantensprung ins Schulleben 2.0! Die Schüler sind sehr stolz darauf, dass sie die moderne Technik nutzen können. Als ich ihnen vor kurzem das erste Mal einen Film mit unserem Projektor gezeigt habe, stand die halbe Schule Kopf und hat jedes Mal Beifall geklatscht oder vor den Bösen gewarnt, wenn etwas passiert ist.

Dass aber auch die ugandische Regierung versucht, etwas im Bildungssystem zu verändert, habe ich gemerkt, als es für die Abschlussklasse auf die letzte Prüfung zuging. Statt wie bisher eigenfinanziert, konnte die Anmeldung dieses Mal über das Internet und damit für die Schüler kostenlos stattfinden. Die Jahre davor ist es durchaus vorgekommen, dass Schüler wegen Geldmangels diese letzte Klausur nicht mitschreiben konnten und deshalb keinen Schulabschluss bekommen haben.

Hier sind allerdings, wie schon bei der Wohnsituation, die großen Entwicklungsunterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen erkennbar. Während mehrere Schulleiter, die keinen eigenen Computer zur Verfügung haben, extra zu unserer Schule fahren mussten, um sich dann mit unserer Hilfe anzumelden, konnten wir die Anmeldung dank der gesponserten Computer selbständig erledigen. Sowohl unsere Schule, als auch die Schulen der anderen Schulleiter hatten damit noch großes Glück, überhaupt auf das Internet zugreifen zu können.

Die neueste Attraktion an unserer Schule sind allerdings mehrere alte Autoreifen, die uns ein Bekannter aus dem Dorf geschenkt hat und die ich zusammen mit anderen Freiwilligen während deren Besuch in Kahunge als Reifenschaukel und Hüpf-Parcours aufgebaut habe.

Es tut sich also etwas – der Wille am „modern life“ teilzuhaben und zu den Städten aufzuschließen, ist überall erkennbar. Falls ich in den nächsten Jahren noch einmal die Chance haben sollte, nach Kahunge zurückzukehren (mein Abschied am 21. Juli steht jetzt leider unmittelbar vor der Tür), werde ich in meinem Dorf sicherlich vieles nicht mehr wiedererkennen.

neuer Hüpf-Parcours

 

 

Mai/Juni
Zebras, Kronenkranich und selbstgebrautes Bier: Ausflug zum Lake Bunyonyi

Blick vom Aussichtspunkt auf die vielen Inseln des Lake Bunyonyi

Langsam aber sicher rücken die Sommerferien in Deutschland immer näher. Die Schüler (und natürlich auch die Lehrer) in Uganda hingegen hatten gerade drei Wochen frei. Und so konnte ich – im Gegensatz zu meinen Schülern, die auf dem Feld arbeiten mussten, erneut das Land und seine Schönheiten bereisen und möchte von einem Ausflug während meiner Ferien erzählen.

So habe ich, nachdem ich einen befreundeten Freiwilligen an seiner Einsatzstelle besucht hatte, zusammen mit sechs weiteren Freiwilligen einen Ausflug zum Lake Bunyonyi gemacht, einem wunderschönen See an der Grenze zu Ruanda. Der See entstand vor circa 10 000 Jahren, als Lava aus einem der vielen Vulkane in der Umgebung einen Fluss zu einem großen See angestaut hat.

Nach einem anstrengenden Tag in einem der großen ugandischen Reisebusse (weil unser Busfahrer verschlafen hatte, ging es leider erst „ein bisschen“ später los) sind wir am späten Nachmittag am See angekommen. Weil es in Uganda immer schon um sieben Uhr dunkel wird, mussten wir uns mit dem Schwimmen fast schon ein bisschen beeilen.

Für die nächsten zwei Tage haben wir uns Zelte bei einer britisch-slowenischen non-profit-Organisation gemietet, die ihren Gewinn an die umliegenden Dörfer weitergibt. Nachts ist es für ugandische Verhältnisse beinahe ein wenig kalt geworden, da der See auf einer Höhe von fast 2000 Metern über NN liegt.

Mit den traditionellen Kanus, für die meist ein großer Eukalyptusbaum ausgehöhlt wird, sind wir zu den bekanntesten Inseln inmitten des Sees gepaddelt. Auf einer der insgesamt 29 Inseln haben wir einen Zwischenstopp eingelegt und uns Zebras angesehen, die in Uganda eher selten vorkommen und als Touristenattraktion hier angesiedelt wurden.
 

Punishment Island

Von dort ging es weiter zur Bwama-Insel, die in den 90er Jahren eine Lepra-Kolonie gewesen ist. Nachdem Lepra-Medikamente erfunden wurden und die ehemals Kranken die Insel verlassen konnten, wurde eine Schule für die am See lebenden Kinder aufgebaut. Außerdem findet man heutzutage viele seltene Pflanzen hier.

Auf der nächsten Insel mussten wir zum Glück nicht anhalten. Inmitten des Sees befindet sich nämlich ein kleines Fleckchen Erde, auf dem bis 1940 schwangere, unverheiratete Frauen ausgesetzt wurden, die verhungern oder beim Versuch, ans Festland zu schwimmen, ertrinken sollten. Einzige Hoffnung auf Rettung war ein reumütiger Liebhaber, der seine Geliebte nach Entrichten des Brautpreises als Ehefrau wieder von der Insel holen durfte. Heutzutage bevölkert nur noch eine kleine Kormoran-Familie die trostlose Insel ...

Nach dieser langen Kanu-Tour konnten wir die Schönheit des Sees noch einmal von oben betrachten, als wir für unser Mittagessen auf einer der größten Inseln mit einem hohen Berg anhielten. Hier hatten wir das Glück, neben einem Chamäleon auch Ugandas Nationaltier, den Kronenkranich, der auch in meinem Dorf häufig vorkommt, aus der Nähe zu betrachten.

Zum Abschluss unserer Tour haben wir das selbstgebraute lokale Bier probiert, das aus der hinter der Dorfkneipe wachsenden Hirse gebraut wird. Es ist allerdings nur Menschen mit starkem Magen zu empfehlen. Wieder in unserer Unterkunft angekommen, haben wir noch ein letztes Mal das erfrischende Wasser genossen, bevor wir wieder in einen heißen Reisebus einsteigen mussten.

Weil meine Zeit in Uganda nun auf das Ende zugeht, wird es wohl die letzte größere Reise durch das Land gewesen sein, von der ich – so bestätigen mir meine Mitbewohner im Pfarrhaus – nun vermutlich mehr gesehen habe als die meisten Ugander selber … Jedenfalls musste ich, als ich wieder daheim ankam, erst mal Fotos zeigen.

Ugandas Nationaltier: der Kronenkranich
Zebras
Gut getarnt: ein Chamäleon
Die Freiwilligen auf ihrem Ausflug zum Lake Bunyonyi

 

 

 

März/April
Fort Portal – eine zweite Heimat

Der Agape-Chor mit Father Joseph, Florian und seiner Familie, die ihn gerade besuchte.

Eigentlich ist es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, dass ich nach den sieben Monaten, die ich bereits in Uganda lebe, noch keinen Blog-Eintrag über Fort Portal geschrieben habe! Denn Fort Portal ist für mich hier definitiv eine zweite Heimat! Und das liegt vor allem an Father Joseph, meinem Mentor, der inzwischen so etwas wie ein Ersatzpapa für mich ist. Und am Agape Chor, bestehend aus circa 20 jungen Erwachsenen, die für die Kirchengemeinde, aber auch für den Caritas-eigenen Rundfunksender (der vor allem auf den Dörfern definitiv einen Anteil daran hat, die Menschen mit Bildung zu versorgen) auftreten. Allerdings muss man sich den Chor mehr wie eine große Familie vorstellen, in die ich direkt aufgenommen wurde.

Vor allem an den Wochenenden besuche ich Fort Portal und genieße die Vorzüge einer Stadt inklusive Supermarkt und Postamt. Doch erst einmal muss ich dafür freitagnachmittags eine zweistündige Fahrt mit dem public transport hinter mich bringen, die es jedes Mal in sich hat! Dafür warte ich in meinem Dorf darauf, dass ein Auto oder ein kleiner Taxi-Bus Richtung Fort Portal fährt und halte es wie ein Tramper an.

Diese „öffentlichen Verkehrsmittel“ nehmen dann auf eigene Rechnung so viele Personen mit, wie eben in ein Auto passen – und das sind in Uganda viele! So fahre ich oft mit zehn anderen Personen in einem alten Toyota. Inzwischen ist das für mich total normal.
 

Eine ugandische Hochzeit – hier wird gerade der Kuchen angeschnitten.

Nach wie vor staune ich allerdings noch über den malerischen Weg, da ich stets mitten durch den „Kibale National Park“ fahre, ein riesiges Waldgebiet, das für seine Schimpansen und Waldelefanten berühmt ist und das Ziel der meisten Uganda-Reiseangebote ist. Paviane finde ich inzwischen „langweilig“, so oft sehe ich sie am Straßenrand.

Wenn allerdings die Regenzeit losgeht und die sinnflutartigen Regenfälle die „Straße“ in einen Wasserpark verwandelt, vergeht einem schon hin und wieder der Spaß. Denn wo man sonst die zahlreichen Kraterseen vulkanischen Ursprungs und große Teeplantagen sehen kann, von denen ich mir inzwischen viele zusammen mit Freunden angesehen habe und die ich hin und wieder zum Baden nutze, muss das Taxi so manches Mal aus dem Schlamm geschoben werden.
 

Florian mit den anderen Freiwiligen Noah und Ching-Lung bei einer
Wandertour im Rewenzori-Gebirge

Zu Fort Portal muss noch gesagt werden, dass es sich um eine wunderschöne Stadt im Westen Ugandas handelt. Sie ist umgeben vom atemberaubende Rewenzori-Gebirgszug, der an der höchsten Stelle über 5000 Meter hoch ist. In der Nähe liegen viele Nationalparks. Gar nicht mal so selten höre ich hier deutsche Stimmen, und dass nicht nur, weil Father Joseph fließend Deutsch spricht oder weil viele Freiwillige in Fort Portal leben, sondern vor allem wegen der vielen Touristen, die Fort Portal besuchen.

An meinen Wochenenden bin ich oft mit dem Chor unterwegs, der regelmäßig für Hochzeiten oder Sonntagsmessen gebucht wird. Vor allem ugandische Hochzeiten haben es in sich! Nach der Messe sind meistens noch mehr als tausend Gäste eingeladen, die sich zuerst in großen Zelten unter freiem Himmel zusammenfinden. Und das bei jedem Wetter! Während sich in Deutschland wahrscheinlich jedes Brautpaar verzweifelt die Haare raufen würde, wird in Uganda auch bei strömenden Regen weitergetanzt. Bevor allerdings das große Tanzen beginnt, sollte man keineswegs den Höhepunkt der Hochzeitsfeier, nämlich das Anschneiden der Hochzeitstorten, verpassen.
 

Florian mit den Freiwilligen Anna und Pauline am Wasserfall einer nach der
Königstochter Nyinamwiru benannten sagenumwobenen Höhle

Und auch wenn keine Hochzeit stattfindet, ist in Fort Portal immer etwas los. Die Touristen kommen ja nicht ohne Grund. Vor allem, als mich meine Mitfreiwilligen besucht haben, habe ich viel erlebt! Mit dem Motorradtaxi erreicht man zum Beispiel problemlos die Vorläufer der Rewenzori-Gebirgskette, die man bei einer Wanderung erkunden kann, auch wenn man den hohen Temperaturen ziemlich Tribut zollen muss! Neben den vielen Kraterseen kann man sich außerdem eine sagenumwobene Höhle ansehen, die nach einer Königstochter namens Nyinamwiru benannt ist. Deren Brüste, die ihr der böse Vater abgehackt hat, kann man noch heute im Stein betrachten. Auch wenn ich bei Weitem nicht immer so ein Touristenprogramm habe, ist Fort Portal jeden Besuch wert!

 

 

Februar
Einmal Uganda und wieder zurück

Nyero Rock Paintings – auf einem Felsen in Nyero

Nein, keine Sorge, ich bin noch nicht wieder in Deutschland. Vielmehr will ich, bevor nach den Schulferien wieder die Schule in Kahunge losgeht (wegen der Präsidentschaftswahlen, deren Ergebnis noch ausgezählt wird, waren die Ferien dieses Mal besonders lang), von meinem Besuch im Osten Ugandas erzählen. Der war ein bisschen wie eine Reise in ein anderes Land.
 

lokales Hirse-Bier

Für gut eine Woche habe ich nämlich meine Mitfreiwilligen Anna und Pauline an ihren Stellen in Soroti und Kumi besucht. Doch bis zu Anna musste ich erst einmal fast 500 Kilometer in verschiedenen Bussen hinter mich bringen. Grundsätzlich kommt man in Uganda eigentlich immer ans Ziel. Wegen möglicher Pannen oder Stau in der Hauptstadt, durch die ich auf fast jeder Reise durchfahre, darf man sich seiner Ankunftszeit allerdings nie sicher sein. Ein bisschen so, wie mit der Deutschen Bahn zu fahren ...

Sicher ist allerdings, dass man auf den Busfahrten stets dutzende Menschen kennenlernt, die einem oft ihre ganze Lebensgeschichte erzählen und meist sehr interessiert am Leben in Europa sind.

Schon während der Busfahrt habe ich gemerkt, wie unterschiedlich die Landschaft im Vergleich zu meiner Umgebung im Westen Ugandas aussieht. Im Gegensatz zu meinem gebirgigen Gebiet sind Soroti und Kumi sehr flach, so dass es auch deutlich heißer wird. Statt der bei mir omnipräsenten Bananenplantagen sehe ich das erste Mal in Uganda einige Reisfelder und Orangenhaine.
 

mit Anna und Pauline auf dem Markt in Soroti

Soroti erkenne ich am signifikanten Soroti Rock, einem großen Granitfelsen mitten im Stadtzentrum, schnell. Die nächsten drei Tage lang zeigt mir Anna die Stadt, ihre Kirchengemeinde und die Schule, in der sie unterrichtet.

An den Abenden werde ich dann von Annas Mitbewohnern in die Iteso-Kultur eingeführt. Es wird hier im Vergleich zu Kahunge nämlich nicht nur eine andere Lokalsprache gesprochen, sondern auch ein anderes Bier gebraut. Das Bier aus vergorener Hirse trinkt man aus langen, hohlen Bambusrohren mit einem Filter an der Spitze. Auch wenn es vielleicht ziemlich unappetitlich aussieht, schmeckt es erstaunlich gut, und es kommt schnell eine gemütliche Lagerfeuerstimmung auf.

Nachdem ich sogar noch eine typische Iteso-Hochzeit mitbekommen habe, brechen wir zu Pauline nach Kumi auf. Auch dort lerne ich Paulines Umgebung und ihre Arbeit in der Grundschule kennen.

Außerdem fahren wir an einem Nachmittag mit dem Motorradtaxi zu den Nyero Rock Paintings. An drei verschiedenen Stellen haben sich Pygmäen vor 2000 bis 3000 Jahren mit Felsmalereien verewigt. Die dominierende Darstellung ist die einer Sonne, die von der indigenen Bevölkerung als Gott verehrt wurde. Alleine schon die gewaltigen Felsen sind beeindruckend!
 

Sonnenmalerei, um die 2000 bis 3000 Jahre alt

Nach einer Woche ist es dann langsam wieder an der Zeit, nach Kahunge zurückzukommen. Doch ein letztes Erlebnis steht mir noch bevor. Zusammen mit Anna fahre ich nämlich zu den Sipi Falls. Hier im Mount Elgon-Gebirge stürzen sich vier Wasserfälle in die Tiefe.

In Sipi angekommen, bewundere ich erst einmal den Ausblick von unserer Unterkunft, die auf einem großen Hügel direkt gegenüber des Hauptwasserfalls liegt. Nachmittags wandern wir dann zu den Wasserfällen. Nach dem Wandern in der Hitze genießen wir die kühlen Gischt-Fontänen.
 

der Hauptwasserfall Sipi

Besonders der Hauptwasserfall ist beeindruckend. Alleine schon der Abstieg erweist sich als Abenteuer. Denn wir müssen eine aus Ästen zusammengebastelte Leiter herunterklettern, die quasi senkrecht herunter führt. Doch die Dorfkinder, die in einem Affentempo an uns vorbeiklettern, zeigen uns, wie es geht. Im Tal bewundern wir dann den aus 100 Metern Höhe herabstürzenden Wasserfall, bevor wir uns auf den Rückweg machen.

Nachdem wir am nächsten Tag noch in die Geheimnisse der Kaffeeherstellung eingeweiht wurden, mache ich mich gestärkt und voll neuer Eindrücke auf den langen Rückweg.

 

 

 

Dezember/Januar
Ein etwas anderes Weihnachten und Besuch aus Deutschland

Inzwischen haben wir schon 2016 und die „Halbzeit“ meines Freiwilligendienstes rückt näher. Als Grundschullehrer genieße ich momentan meine Ferien, die wegen der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen dieses Mal fast zweieinhalb Monate dauern. Ohne die vielen Schüler, die zu Ferienbeginn meistens in die kleineren Dörfer zurückgefahren sind, ist meine „Town“ Kahunge ein wenig ausgestorben. Meine anfänglichen Sorgen, wie ich wohl mit der vielen freien Zeit zurechtkommen werde, wurde von meinen Parish-Mitbewohnern nur belächelt. Denn Ferienzeit bedeutet für uns Freiwillige Reisezeit, also die einmalige Gelegenheit, auch andere Regionen Ugandas kennenzulernen.
 

Dekoration und Lichterketten lassen die Krippe
aussehen wie eine Disco.

Aber zunächst möchte ich noch von meiner Weihnachtszeit und meinem Start ins neue Jahr erzählen. Weil ich im Dezember so viel unterwegs war, habe ich die Adventszeit quasi übersprungen – einmal davon abgesehen, dass man bei 35 Grad wenig Lust auf Kerzen und Zimtplätzchen hat.

Erst kurz vor Heiligabend bin ich wieder in meinem Dorf angekommen. Ähnlich wie in Deutschland herrschte auch hier überall geschäftiges Treiben. Neben dem großen Weihnachtsputz musste das Weihnachtsessen vorbereitet werden, und die Kirche wurde von vielen Helfern geschmückt. Unzählige Girlanden und Luftballons wurden aufgehängt, die sich innerhalb eines Tages in ein für unsere Verhältnisse kitschig-buntes Prinzessinnenwunderland verwandelte. Die Krippe wird in Uganda wie eine kleine Schutzhütte aus Zweigen gebaut, verwandelt sich allerdings durch Dekoration und Lichterketten schnell in eine kleine Disko.

Der größte Unterschied zum deutschen Weihnachtsfest besteht wahrscheinlich darin, dass in Uganda der 24. Dezember wirklich nur ein Vorbereitungstag ist. Die eigentliche Feier findet am 25. und 26. Dezember statt. Trotzdem gibt es an Heiligabend Christmetten. Die Weihnachtsmesse war eigentlich sehr schön, ich habe viele internationale Weihnachtslieder wiedererkannt. Ein wenig gestört hat mich allerdings, dass alle wichtigen Lokalpolitiker lange Reden gehalten haben, so dass sich die Messe sechs Stunden lang hinzog!

Danach wird auch in Uganda kräftig gefeiert. Da bei bestem Sommerwetter keiner Lust hat, im Haus zu sitzen, strömen die meisten Menschen nach der Messe direkt in die Bars. Auch wenn es sich wie verkehrte Welt angefühlt hat, habe ich es sehr genossen, während des Sonnenuntergangs ein kaltes Bier zu trinken, während in der Nähe Grillfleisch brutzelte. Trotzdem freue ich mich darauf, nächstes Jahr wieder ganz gemütlich mit der Familie auf dem Sofa zu sitzen.

Silvester habe ich dann zusammen mit den anderen sechs Freiwilligen unseres Bistums in Kampala, Ugandas Hauptstadt, gefeiert. Abends sind wir bei einem Gemeinschaftskonzert vieler ugandischer Sänger gewesen und mussten noch nicht einmal auf das Feuerwerk verzichten. Außerdem hatten wir den perfekten Anlass, gleich zweimal anzustoßen: das erste Mal um Mitternacht, das zweite Mal zwei Stunden später pünktlich zum deutschen Neujahrsbeginn.
 

mit Besucherin Sophia

Und das neue Jahr ging vielversprechend weiter. Denn am 3. Januar bekam ich Besuch von meiner guten Freundin Sophia aus Deutschland, die auf dem Rückflug von Südafrika einen Zwischenstopp in Kampala einlegte. Wir hatten uns natürlich viel zu erzählen und umso mehr Programm vorgenommen. Zusammen haben wir uns zuerst Kampala angesehen, bevor wir zusammen mit den anderen Freiwilligen zu den Ssese Islands aufgebrochen sind. Die insgesamt 84 Inseln liegen mitten im Lake Victoria und haben, jedenfalls laut unserem Guide, zusammengenommen die Größe von Malta! Mit einer kleinen Fähre sind wir nach drei Stunden Fahrt auf der Hauptinsel Kalangala angekommen. Durch die vielen kleinen, hölzernen Fischerboote, die Palmen und den Inselcharme hat man das Gefühl, in einem kleinen Piratennest in der Karibik gelandet zu sein! Nach einem Strandspaziergang im Sonnenuntergang hatten wir für den ersten Tag erstmal genug.
 

Sonnenuntergang auf den Ssese Islands

Am nächsten Tag hatten wir dafür umso mehr vor. Es stand nämlich eine Fahrradtour über die ganze Insel auf dem Programm. Nach mechanischen Startproblemen sind wir dann mit unserem Guide, der zufällig sogar Deutsch sprechen konnte, losgefahren. Und die Fahrradtour sollte es in sich haben. Wir sind nämlich wirklich über Stock und Stein, durch Regenwald und über den Strand gefahren. Dafür war der Ausblick fantastisch! Neben vielen verschiedenen Seevögeln hat mich die Vielfalt der Insel beeindruckt!

Nach unserer anstrengenden Fahrradtour sind wir dann mit einem Fischerboot zu einer kleinen Insel rausgefahren, die noch weitgehend unberührt ist. Neben gemütlichen Hängematten und einer großen Schaukel erwarteten uns auf der kleinen Insel dutzende Kormorane, große Eidechsen und eine davonkriechende Kobra. Weil es dann leider schon dunkel wurde, machten wir uns auf den Rückweg, während die untergehende Sonne den See mal wieder in tiefstes Rot verwandelte. Im Dunkeln konnte man dann die Schwimmfeuer auf dem See beobachten, die die Fischer benutzen, um Mücken anzulocken, die dann wiederum Fische anlocken.

Am nächsten Tag mussten wir leider schon wieder aufbrechen. Wir genossen noch einen entspannten Tag am Strand (einziger Haken: wegen der Bilharziose-Gefahr können wir nicht schwimmen gehen) und brachten dann Sophia zum Flughafen, die zurück in die Uni musste, während wir noch für ein paar Tage Kampala genossen.

Bootstour

 

November
Von Grashüpfern und anderen Leckereien

Helfer in der Küche: Florian beim Bohnenstampfen

„Warum gibt es in Afrika keinen Müller-Milchreis? Der ist nur für den KLEINEN Hunger ...“ Gefühlt 100 solcher Witze musste ich mir vor meiner Reise in Uganda von meinen Freunden anhören. Allmählich wird es also mal Zeit zu erzählen, was ich in Uganda wirklich so esse:

Meine Freunde kann ich trösten: Es gibt immer reichlich zu essen. Verhungern werde ich sicher nicht! Dies liegt unter anderem daran, dass es auch in Uganda drei Hauptmalzeiten gibt, die laut Tagesplan im Parish, meinen Pfarrhaus, in dem ich lebe, zu festen Zeiten angesetzt sind – tatsächlich aber immer circa eine Stunde nach Plan stattfinden: Breakfast nach dem Aufstehen, Lunch um 14 Uhr und Supper um 21 Uhr. Alle Mahlzeiten finden gemeinsam statt.

Außerdem trinke ich während der großen Pause in der Schule mit den anderen Lehrern Porridge (einen Brei aus Milch und Maismehl) und habe ab 17 Uhr die Möglichkeit, beim Evening Tea (dem obligatorischen Tee – man merkt, Uganda war englische Kolonie!) Kleinigkeiten wie geröstete Erdnüsse, gegrillte Bananen oder Toast zu mir zu nehmen.

Zum Frühstück gibt es immer Katogo, Kochbananen, die oft zusammen mit Bohnen (manchmal sogar mit Fleisch) serviert werden. Meistens ist mir diese deftige Mahlzeit morgens einfach noch zu früh. Stattdessen esse ich lieber ugandisches Brot, was unserem Toastbrot ähnelt. Wenn ich Glück habe, gibt es dazu Margarine, Honig oder selbstgemachte Erdnussbutter (für die ich Schwester Lucy liebe!) oder sogar Omelette. Oft ist allerdings auch kein Aufstrich mehr da, so dass ich das Toastbrot in meinem Milktea stippe. Milktea mixt man sich aus der lokalen Rohmilch und aus Schwarztee zusammen.
 

„Exotisches" Essen in Uganda: Brat-
kartoffeln, zubereitet von Florian

Um Mittag- und Abendessen zu kochen, müssen die vier jungen Frauen, die sich um unsere Küche kümmern, schon zwei bis drei Stunden früher anfangen. Gekocht wird nämlich auf einem Holzfeuerherd. Außerdem gibt es immer mindestens drei Hauptgerichte, zudem Gemüse und einige Soßen. Der einzige großartige Unterschied zwischen den beiden warmen Mahlzeiten ist, dass es nur abends Fleisch gibt (meistens Kuh- oder Ziegenfleisch, bei besonderen Anlässen das teurere Hühner- oder Schweinefleisch, sehr selten auch Fisch) und Kaloh, einen ein sehr klebrigen Brei aus Hirse und Cassava (einer Art Wurzel, die zu Mehl zermahlen wird), mit dem man Soße in seinen Mund „löffelt“.

Ansonsten gibt es abwechselnd Matoke (fester Brei aus Kochbananen), Reis, Kürbis, Posho (sehr feste Masse aus Maismehl), Süßkartoffeln und Cassava. Zu diesen Hauptgerichten gibt es eigentlich immer Bohnen und eine Soße aus gestampften Erdnüssen, außerdem abwechselnd Spinat, Kohl, Gurken/Möhren/Zwiebeln/Knoblauch/Tomaten (als Fingerfood) und Auberginen.

Je nachdem, ob die Priester am Wochenende (zu den Thanksgiving-Bräuchen demnächst mehr) frisches Obst geschenkt bekommen haben, gibt es außerdem hin und wieder teuflisch leckere Ananas, Wassermelone, Jackfruit (fußballgroße Frucht, deren Inneres sehr süß ist) oder Bananen als Nachtisch.
 

Grashüpfer werden geröstet, dann schmecken sie ähnlich wie Chips.

Noch viel größere Ekstase lösen allerdings geröstete Grashüpfer, eine Spezialität in Uganda, aus. Während der momentanen Regenzeit schlüpfen in Wüstengebieten massenweise große Grashüpfer, die in riesigen Schwärmen umherziehen und sich auf die grüne Landschaft Kahunges stürzen. Die Insekten reagieren stark auf Licht und werden so mit großen, aufgerichteten Eisenplatten, in deren Mitte die Lichtquelle steht, säckeweise gefangen. Nachdem man ihnen in einem ziemlich grausamen Prozess die Flügel und die Hinterbeine herausgerissen hat, werden die Grashüpfer zusammen mit Zwiebel und Tomaten geröstet. Wenn man sich überwunden hat und den anfänglichen Ekel, den die meisten Europäer gegenüber Insekten hegen, hinter sich gelassen hat, kann man gar nicht mehr genug kriegen! Die gerösteten Grashüpfer schmecken ähnlich wie Chips und werden oft zusammen mit Whiskey verspeist. Ähnlich wie eine Tüte Chips haben sie außerdem die Eigenschaft, immer viel zu schnell aufgegessen zu sein ...

Also: Es gibt keinen Grund zu klagen. Ich werde satt, es ist lecker und es ist spannend, fremdes Essen zu essen! Mit dem abwechslungsreichen Essen in Deutschland ist es allerdings nicht zu vergleichen. So war im Parish kürzlich die Freude groß als ich, da ich gerne den Mädels in der Küche helfe und sich alle Parish-Bewohner über neue Gerichte freuen, vor kurzem Bratkartoffeln und Spiegelei „gekocht“ habe ...

Ansonsten gilt für den größten Teil der ugandischen Bevölkerung: Es wird gegessen, was im Garten wächst. So gut wie jeder, von den wenigen Großstädtern mal abgesehen, betreibt in Uganda Landwirtschaft und versorgt sich mindestens teilweise selbst. Fleisch hingegen ist Luxus und wird oftmals nur zu besonderen Anlässen wie Weihnachten gegessen.

Außerdem gilt in Uganda, dass immer für einen möglichen Gast mitgekocht oder ansonsten geteilt wird! Dass Gastfreundschaft eben nicht bloß eine leere Phrase ist, merkt man unter anderem an den vielen Gästen, die im Parish auffallend häufig zur Mittagszeit eintrudeln.

 

 

Oktober
„Good Morning Teacher!"

Florian Fromme unterrichtet diese sechste Klasse.

Heute möchte ich ein wenig von meiner Tätigkeit während meines Auslandsjahres in Uganda erzählen. Ich werde für ein Jahr hauptsächlich an der Primary School in Kahunge tätig sein, die finanziell von der katholische Kirche in Uganda unterstützt wird. Die Schule hat schon Erfahrung mit deutschen Freiwilligen, da ich der dritte Freiwillige des Bistums bin, der an dieser Schule unterrichtet.

Seit nun fast schon zwei Monaten unterrichte ich eine sechste Klasse mit mindestens einer Stunde pro Tag in Englisch und gebe am Wochenende Computerunterricht. Außerdem könnte ich später weitere Stunden des Fachs Social Studies, einem Gemisch aus den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern Geschichte, Politik und Erdkunde, übernehmen.

Die Schule besteht aus sieben Klassenräumen, von denen vier neugebaute Räume durch Spendengelder aus Deutschland finanziert wurden. Außerdem gibt es ein Büro für den Schulleiter und einen kleinen „staff room“, der als Lehrerzimmer und als Lagerraum für Schulbücher und Materialien dient, die teilweise von Hilfsorganisationen wie US Aid zur Verfügung gestellt wurden.
 

Die Nursery Class

An „meiner“ Primary School werden die Schüler, wie in Uganda üblich, von Klasse 1 bis 7 unterrichtet. Außerdem zählt zur Schule, wie im ugandischen Schulsystem üblich, die Nursery Class. Sie besteht aus drei verschiedenen Altersklassen und entspricht in Deutschland einem Kindergarten, den allerdings eine einzige Lehrerin (!) managt. Die Kinder singen, tanzen und machen Sport, lernen aber so auch früh das Lesen und Schreiben, außerdem Rechnen und Englisch. Letzteres ist wichtig, weil viele Kinder in ihren Familien nur die lokale Bantu-Sprache, die von Generation an Generation weitergegeben wird, sprechen und erst die Landes- und Unterrichtssprache Englisch kennenlernen müssen. Als mich die Kleinen das erste Mal gesehen haben, waren alle sehr aufgeregt und wollten unbedingt meine blonden Haare und meine Haut anfassen, um auszuprobieren, wie sie sich anfühlen, was großes Freudengeheul ausgelöst hat!

Ungefähr die Hälfte der Schüler lebt in der „boarding section“, die aus Schlafräumen für Mädchen und Jungen besteht. Dies sind Schüler, deren Eltern es sich leisten können, dass ihre Kinder in der Schule leben und von zusätzlichen Stunden profitieren können. Jeweils zwei Kinder teilen sich eine Matratze, so dass in die Hochbetten viele Kinder passen. Neben diesen „Internatsschülern“ laufen morgens in aller Frühe viele Schüler aus den umliegenden Dörfern zur Schule, um pünktlich zum Morgenappell da zu sein. Wenn ich erzähle, dass ich in Deutschland mit dem Bus zur Schule gefahren bin, werde ich ausgelacht, weil doch alles unter 20 Kilometern leicht zu Fuß erreichbar sei.

Die meisten der insgesamt elf Lehrer wohnen in Lehrerwohnungen auf dem Schulgelände und sind quasi rund um die Uhr im Einsatz. Viel Zeit nimmt das Korrigieren der vielen Hefte in Anspruch, da die aktuellen Aufgaben stets kontrolliert werden müssen.

„Habe den Schülern gesagt, dass ich sie nicht schlagen werde"

Alle Schulbewohner werden von der Schulküche versorgt. Einige der Lebensmittel (zum Beispiel Bananen und Ananas) baut die Schule im „Schulgarten“ selber an. Jede Klasse muss mithelfen und hat pro Woche mindestens eine Stunde Gartenarbeit im Stundenplan.

Die Klassen in Uganda sind für unsere Maßstäbe riesig. Um sich bei so vielen Schülern überhaupt durchsetzen zu können, schlagen die Lehrer manchmal. Meistens bleibt es bei scherzhaften Knuffen, hin und wieder benutzen die Lehrer auch mal einen Stock. Sehr interessant finde ich, dass das Schlagen von den Schülern befürwortet wird. Vielleicht liegt es daran, dass sie die Lehrer, mit denen sie tags und teilweise auch nachts zusammen sind, wie eine erweiterte Familie wahrnehmen. So hat mich vor kurzem eine Drittklässlerin gebeten zu schlagen, da sich so die Liebe der Lehrer zeige, die alles dafür tun, dass ihre Schüler lernen und später gute Chancen im Leben hätten.

Mit meiner sechsten Klasse, die immerhin aus mehr als 70 Schülern besteht, komme ich sehr gut aus! Langsam aber sicher gewöhnen sich die älteren Schüler an meinen Akzent, während die Kleineren mich aufgeregt in ihrer „local language“ zuplappern. Ich habe den Kindern in der ersten Stunde gesagt, dass ich sie nicht schlagen werde, trotzdem haben sie Respekt vor mir. Oft werde ich mit Fragen über Deutschland gelöchert, besonders der deutsche Fußball interessiert die Kids.

Da es nur für etwa jedes vierte Kind Schulbücher gibt, besteht ein großer Teil des Unterrichts aus im Chor wiederholten Vokabeln und Anschreiben. Vor allem vom Computerunterricht sind die Schüler begeistert, da PCs in Uganda seltene Luxusgüter sind. Auch die Lehrer freuen sich sehr, wenn sie die Chance bekommen, mit einem Computer zu arbeiten.
 

Die Schüler spielen in den Pausen gern spontane „Hochzeiten".

Hin und wieder finden in den Pausen spontane „Hochzeiten“ statt. Vorwiegend die Schülerinnen schmücken das auserkorenen Brautpaar dann mit Blumen und tanzen gekonnt die traditionellen Hochzeitstänze. Eine willkommene Abwechslung bietet die nachmittägliche Spielestunde, zu der stets von einem strahlenden Schüler auf der Autofelge „geläutet“ wird. Unter der stechenden Sonne Ugandas verbringe ich die meisten Nachmittage mit Volleyball- oder Fußballturnieren. Inzwischen kann ich schon ein bisschen besser mit den selbstgebastelten Bällen der Schüler umgehen und werde seit dem ersten Fußballmatch in meinem Dorf nur noch „Mertesacker“ gerufen.

Vor kurzem hat in meiner Primary School ein Freundschaftsspiel gegen eine andere Grundschule stattgefunden. Einige Tage vor dem Spiel wurde ich gebeten, die Schulfußballmannschaft zu trainieren. Denn meine Kollegen sind der Meinung, es sei beinahe unmöglich, dass eine Mannschaft mit einem weißen Coach verliere, da sich in Uganda nur die größeren und besten Teams einen europäischen Trainer leisten können! Als der Tag der Entscheidung gekommen war, bekam unsere Schule also Besuch von der gesamten Global Primary School, die auch aus Kahunge kommt. Beide Schulen stellten sich hinter den gegnerischen Toren auf und heizten mit Trommeln und Tänzen die Stimmung ein. Jedes Mal, wenn ein Tor fiel, stürmte die ganze Schule auf den Platz, feierte die Schulhelden und führte Salti und Freudentänze auf. Inzwischen stand beinahe das ganze Dorf, da sich keiner das Lokalderby entgehen lassen wollte!
 

Gruppenfoto mit Schülern aus verschiedenen Klassen.

Leider hat unser Fußballteam am Ende 3:1 verloren, während das Mädchenteam beim Netball, einer Ursprungsform des Basketballs, immerhin ein Unentschieden herausgeholt hatte. Um eine Erklärung für ihre Niederlage waren die Fußballer allerdings nicht verlegen. Nach dem Spiel wurde eine von einem Zirkel durchbohrte Frucht, in derselben Farbe wie die Schultrikots, als Beweis für einen feigen Voodoo-Zauber präsentiert. Bevor ich also die nächste Klassenarbeit zurückgebe, sollte ich mir überlegen, was für Noten ich vergebe, sonst könnte es sein, dass ich urplötzlich krank werde.

 

 

September 2015
Wie ich vom „Musungu“ zum „König“ werde ...
 

Es geht los, auch für Florian Fromme (2.v.l.): Abflug der Freiwilligen nach Uganda in Frankfurt/Main.

Es ist endlich soweit! Nach Wochen der Vorbereitung, den letzten Tagen voller Kofferpacken, die am Ende in einem Kampf um die letzten Gramm mündeten, und Verabschiedungen starte ich mit dem Zug in Osnabrück, um meinen Flieger in Frankfurt zu bekommen. Mit zwei Stunden Verspätung und wegen defekter Klimaanlage bestens auf das Klima in Uganda eingestellt, komme ich entsprechend erschöpft am Flughafen an, obwohl meine Reise gerade erst begonnen hat.

Nachdem das freundliche Bodenpersonal die Augen angesichts eines Kilos zu viel zudrückt, ich das Gepäck auf dem Fließband verschwinden sehe und zusammen mit den sechs anderen Uganda-Freiwilligen, die über das Land verstreut ihren Dienst tun werden, den Flieger betrete, bin ich einfach nur glücklich, dass es endlich losgeht.

In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba steigen wir dann in ein Flugzeug um, in dem wegen einer defekten Heizung Nordpoltemperaturen herrschen, (und das, obwohl schon der erste Start wegen defekter Sicherheitseinrichtungen abgebrochen werden musste ...). Einen Tag später erreichen wir endlich den Zielflughafen. Beim Aussteigen erwartet mich ein Schwall schwüler, warmer Luft am Flughafen in Entebbe: Uganda.

Nach die Visaformalitäten erledigt sind, werde ich von Father Ben, meinem Priester vor Ort, und seinem Fahrer empfangen. Ich verabschiede mich von den anderen Freiwilligen und breche zusammen mit meinen beiden Begleitern Richtung Kahunge auf. Allerdings fahren wir vorerst nur ein kleines Stück der langen Strecke. Wir essen in einem kleinen Restaurant Nilbarsch, und ich probiere das erste Mal ein Nile Special, ein typisches ugandisches Bier, dass in Jinja an der Quelle des Nils gebraut wird. Anschließend übernachten wir in der Millionenstadt Kampala, Ugandas Hauptstadt.

Nach der ersten Nacht unter einem Moskitonetz geht es weiter. Kampala ist überwältigend. Autos und vor allem die Boda-Bodas (Motorradtaxen) ergießen sich wie eine gigantische Blechlawine über die Straßen. Dazu der ungewohnte Linksverkehr. Neben den unzähligen Shops an der Straßenseite reihen sich sowohl Lehmhütten als auch große Villen aneinander. Eine festgebundene Kuh grast auf der Straße. Eine Kuhhälfte hängt neben der Straße. Reifenquietschen. Dauerhupen. Fliegende Händler, die scheinbar alles verkaufen, konkurrieren mit Straßenpropheten um den besten Platz. Zusammengeschnürte Hühner werden den Vorbeifahrenden ebenso wie kalte Getränke entgegengereicht. Immer mal wieder rufen kleine Kinder mir „Welcome to Uganda“ und vor allem „Musungu“ zu, was schlicht und einfach weißer Mann bedeutet.

Irgendwann weicht der Asphalt den mit rotem Staub bedeckten Landstraßen. Jetzt macht Autofahren erst richtig Spaß und man hat sich das Recht verdient, sich festzuhalten. Nach acht Stunden scheinbar endloser Fahrt taucht dann – nun doch überraschend – Kahunge vor uns auf, ein kleines Dorf im Westen des Landes, nicht mehr weit entfernt von der Grenze zum Kongo. Das Gebiet, dass zu Kahunge gehört, erstreckt sich über eine riesige Fläche. Das Zentrum bildet allerdings das Trading-Center, dass aus vielen kleinen Shops besteht.

Das Grün der Bananenstauden und der Kaffesträucher dominiert. Viele der Felder in der Umgebung gehören dem Parish, der Gemeinde, in der ich für ein Jahr mit zwei Priestern, einem Diakon, einem Mönch und einer wechselnden Anzahl an angehenden jungen Priestern zusammenleben werde. Der Parish ist eigentlich ein kleines Dorf im Dorf. Neben dem Hauptgebäude gibt es noch einen Schwesternkonvent, eine angrenzende Secondary-School mit Internat und Häuser für Angestellte. Außerdem leben noch 300 Ziegen, Hunde, Hühner und Truthähne auf dem riesigen Grundstück.

Nachdem ich allen Mitbewohner vorgestellt wurde, die sich durchweg sehr über meine Ankunft freuen, gibt es das erste Abendessen in Uganda. Ich bin allerdings zu müde, um noch viel wahrzunehmen, und falle, nachdem mir mein Zimmer gezeigt wurde, erschöpft ins Bett – nun auf einem anderen Kontinent.

Den nächsten Tag starte ich mit dem noch etwas ungewohnten Gericht Matoke, dass aus Kochbananen, die zusammen mit Bohnen gegessen werden, besteht. Beim Frühstück bekomme ich von Father Ben, der das Parish leitet, einen weiteren Namen. Zumindest für das nächste Jahr heiße ich jetzt Florian Fromme Amooti. In der Tradition des alten Königreiches Toroo hat nämlich jeder in dieser Gegend den sogenannten Pet-Name. Erst später verstehe ich, dass das mit Haustieren nichts zu tun hat, als mir Diakon Joseph erklärt, dass diese Pet-Names, von denen es unzählige gibt, eine Ehrenbekundung sind. Meinen Pet-Name gibt es scheinbar am häufigsten, ich werde nach einem alten „König“ benannt – welche eine Ehre...