01.09.2015

Pia berichtet über ihren Freiwilligendienst in Indien 2015/16

Neues aus Darjeeling

Zwei junge Leute aus dem Bistum Osnabrück, die einen Freiwilligendienst im Ausland (FDA) absolvieren (2015 bis 2016), berichten an dieser Stelle über ihre Erlebnisse. Pia Meier aus Borwede bei Twistringen arbeitet in Darjeeling, Indien, mit Kindergarten- und Vorschulkindern.

 

Juli/August
Der Countdown läuft – die letzten Tage in Darjeeling

Gruppenfoto der Schüler im botanischen Garten

Nachdem meine Schüler des Study Centers Anfang Juni die Prüfungen gemeistert hatten, habe ich für sie als Belohnung und Abschlussevent einen Ausflug in den botanischen Garten organisiert. Die Kinder haben sich natürlich riesig gefreut, und für mich war es eine schöne Gelegenheit, auch mal außerhalb der Klassenräume etwas mit den Kindern unternehmen zu können. 

Zusammen mit einer anderen Lehrerin und knapp 20 Kindern ging es an einem Samstagmorgen los. Vom Hayden Hall Gebäude aus sind wir zum botanischen Garten gelaufen. Dort angekommen, gab es zuerst einen kleinen Rundgang durch den Garten, bei dem es viele verschiedene Pflanzen wie Orchideen und Kakteen zu bestaunen gab. Auf der Hälfte der Strecke wurde eine kleine Pause für ein Picknick eingelegt. Jeder hatte etwas zu essen mitgebracht. Das wurde untereinander verteilt, so dass jeder von jedem probieren konnte. Der von mir zubereitete Schokopudding zum Nachtisch hat allen gut geschmeckt und war schnell verputzt. 

Gut gestärkt ging es hinunter zu einer kleinen Wiese, wo sich die Kinder noch einmal richtig austoben konnten. Es wurden verschieden Spiele, wie Indian Tiger und Fire in the mountain gespielt. Zum Schluss ging es wieder zurück zum Hayden Hall Gebäude, von wo jeder seinen Weg nach Hause antrat. 

Es war wirklich ein richtig schöner Ausflug, und auch die Kinder haben es in vollen Zügen genossen. Trotzdem bin ich abends todmüde ins Bett gefallen, denn als Hauptverantwortliche hatte ich keine einzige Sekunde Pause.

In meinen letzten Wochen bin ich dann noch einmal zusammen mit dem Father und einer ehemaligen Mitarbeiterin vom Hayden Hall für ein paar Tage nach Gitkolbong gefahren. Der Father wählte dabei einen sehr schaukeligen Weg, der uns durch viele kleine Dörfer führte und uns den Besuch unzähliger Schwestern ermöglichte. Mit einem Bauch voller Tee ging es dann immer weiter, so dass wir irgendwann auf eine durch die Regenzeit überspülten Straße kamen. Der Fahrer nahm die Herausforderung, sich dem Wasser gegenüber zu behaupten, an. Er manövrierte den Jeep, nachdem er sich einmal festgefahren hatte, erfolgreich durch den kleinen Flusslauf, so dass unsere Fahrt weitergehen konnte!

Ziel unserer Reise war die St. Clarence Primary School, in der ich einen Monat mitgeholfen hatte. Am nächsten Tag sollte dort die Zeugnissvergabe stattfinden, zu der der Father gerne dasein wollte. Auch ich fand es besonders schön, dabeisein zu dürfen und all die mir vertrauten Gesichter wiedersehen zu können. 

Ausblick von der St. Clarence Primary School in Gitkolbong

Die Kinder hatten mich nicht vergessen und schauten sofort um die Ecke, als sie das Auto hörten. Als sie mich erblickten, riefen sie aufgeregt: „Pia Miss!“ Wirklich ein schöner Empfang! Und noch viel schöner war es, in ihren Prüfungsbögen zu sehen, dass sogar die Themen, die ich den Schülern damals beigebracht hatte, gut gemeistert wurden. 

Nach der Ankunft stand dann noch der Besuch einer Beerdungungsfeier an. Ein Dorfbewohner war gestorben, und es ist Brauch, dass die Familie alle Dorfbewohner einlädt. Da der Verstorbene buddhistischen Glaubens war, gab es dementsprechend auch eine buddhistische Trauerfeier. Als wir ankamen, waren die Mönche gerade dabei, die Seele des Verstorbenen mit Trommel und Flöten aus alten Knochen fortzublasen. Super interessant! Für die Gäste gab es selbstverständlich wieder Tee mit Smalltalk und anschließend ein leckeres Buffee. 

Nachdem am nächsten Tag die Zeugnissvergabe beendet war, haben wir eine andere Schule in einem kleinem Dorf besucht, die damals von Hayden Hall gegründet wurde. Wirklich ein sehr idylischer Ort. Er ist nur zu Fuß erreichbar. Danach haben wir uns dann wieder auf den Heimweg gemacht!

Wieder zurück in Darjeeling, blieb mir nur noch knapp eine Woche. Und so begannen erste Abschiedvorbereitungen. Ich habe mit den Mädels noch einmal einen Ausflug gemacht und für meine Schüler kleine Abschiedskarten gebastelt. 

Am Donnerstag wurden dann die Zeugnisse an die Kids der Strive verteilt und es war wirklich zuckersüß, wie aufgeregt und neugierig die Kinder ihre Zeugnisse in die Hand genommen haben. Ein wirklich schöner Schlusspunkt, denn am nächsten Tag stand dann schon mein letzter voller Arbeitstag im Hayden Hall an.

Abschiedsfeier für Pia mit den Kindern der Strive

Ich habe für meine kleinen Mäuse der Strive zum Abschied eine lustige Kinderabschiedparty organisiert mit Luftballons, Masken, Lollysuche und Musik. Als es dann allerdings drei Uhr läutete und die ersten Kinder von ihren Eltern abgeholt wurden, fiel es mir wirklich nicht leicht, mich von allen zu verabschieden. Es sind einige Tränen geflossen, denn die kleinen Mäuse sind mir unglaublich ans Herz gewachsen!

Nachdem alle Kinder von ihren Eltern abgeholt wurden, ging das Abschiedsprogramm weiter. Meine Nachhilfeklasse hatte für mich zusammen mit meinen Kollegen, Mona und Jangmu eine kleine Abschiedsfeier mit viel Gesang, Tanz und ein paar Reden vorbereitet. Als meine Schüler dann einzeln zu mir kamen, um mir eine Kadda (Tuch zur Ehrung von Personen) umzulegen, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. 

Am nächsten Tag stand dann noch die von den Mitarbeitern organisierte Abschiedsfeier an. Es wurde in einer ausgelassen lockeren Stimmung getanzt und anschließend zusammen Mittag gegessen. Als alle gegangen waren und ich mich auch gerade auf den Weg zu den Schwestern machen wollte, habe ich dann realisiert, dass mein Abenteuer Indien nun wirklich vorbei ist! Und ich all die Menschen, die mir in dem Jahr so sehr ans Herz gewachsen sind, verlassen muss. 

Wieder in Deutschland angekommen, habe ich mich wie vor elf Monaten bei meiner Ankunft in Indien gefühlt. Ich bin mit großen Augen durch die Straßen gelaufen und habe alles aufmerksam beobachtet. Alles sah so anders und ungewohnt aus, die Häuser, die Kleidung der Menschen, der exzessive Materialismus, einfach alles! 

Elf Monate lang durfte ich Dank des Bistums Osnabrück in Kooperation mit dem weltwärts-Programm eine komplett andere Kultur kennenlernen und unglaubliche Erfahrungen machen. Ich habe mich persönlich weiterentwickelt, bin an meine Grenzen gestoßen und habe meine Stärken kennengelernt. Außerdem wurde mein soziales Engagement enorm verstärkt, so dass ich mich nun auch in Deutschland weiterhin für ein gerechtes, globales Miteinander einsetzen werde. Der Freiwilligendienst war eine unglaubliche Chance für mich und hat mir für meine persönliche Entwicklung unglaublich viel gegeben!

Noch oft bin ich in meinen Träumen wieder in Indien, doch sobald ich aufwache stelle ich erschrocken fest, dass dies nicht der Realität entspricht. Ein Teil meines Herzens hängt nun doch noch in Indien, Darjeeling! 

 

Mai/Juni
Bye bye Gitkolbong! Welcome Darjeeling!

Abschied aus dem Dorf Gitkolbong.

Nach einem Monat Aufenthalt in Gitkolbong muss ich zugeben, dass mir der Abschied schon ein wenig schwerfiel. Alle hatten mich so liebevoll und hilfsbereit aufgenommen, und genauso liebevoll wurde ich auch wieder mit einer kleinen Überraschungsfeier verabschiedet.

Danach fuhr mich das Taxi vom grünen Gitkolbong zurück in das graue, neblige Darjeeling. Fix habe ich mich wieder in den Arbeitsalltag eingefunden. Es war unglaublich schön, meine Kids wiederzusehen. In der Strive hatte man mich nicht vergessen. Sobald mich die Kinder erblickten, leuchteten ihre Augen, ein freudiges „Pia Miss!“ kam über ihre Lippen und ein breites Grinsen breitete sich auf ihren Gesichtern aus. Auch im Study Center wurde ich freudig begrüßt, wobei mir einige Schüler sogar in die Arme gefallen sind.

Vom ruhigen Dorf ins laute, touristenüberfüllte Darjeeling zurück – das war schon eine ganz schöne Umstellung! Auf einmal sind mir wieder die vielen Gerüche aufgefallen, die in der Luft liegen, das Hupen, die Menschenmassen, die jetzt, da die Touristensaison gestartet ist, noch mehr geworden sind, und das regelmäßige Schlagen der Darjeelinger Turmuhr.

Prüfungen!
Ich habe mich wieder sehr gefreut, von meinen Kids umgeben zu sein und habe von meiner dritten und vierten Klasse im Study Center erfahren, dass sie jetzt zwei Wochen lang Prüfungen haben. Dadurch liegt direkt sehr viel Arbeit an. Aufgrund der Prüfungen arbeite ich immer von 6.30 Uhr bis 17.30 Uhr, da ich vor der Schule eine extra Nachhilfestunde gebe. Die Prüfungsvorbereitungen bestehen meistens aus dem Auswendiglernen von Fragen und Antworten, das sich manchmal als enorm schwer und zeitintensiv herausstellt.

Die Prüfungsfächer – das sind: Mathe, Nepali, Englisch Sprache, Englisch Literatur, Generelles Wissen, Naturwissenschaften, Computer, Moralwissenschaften, Buchstabieren, Lesen, Schreiben ... Für die Schüler heißt das: pauken, pauken, pauken! Und für mich: unterrichten, unterrichten, unterrichten! Ich glaube, beide Seiten sind immer unglaublich froh, wenn die Prüfungszeit vorbei sind und nach ein paar Wochen die Ergebnisse vorliegen. Ähnlich wie das erste und zweite Halbjahr in Deutschland gibt es hier first, second und third turn. Für den second turn im August bin ich dann schon nicht mehr da!
 

Kinder der Strive

Hausbesuche:
In letzter Zeit habe ich manchmal nach einem vollen Arbeitstag noch ein paar Schüler zu Hause besucht. Es ist immer sehr interessant zu sehen, wo sie leben, denn dadurch bekommt man oft noch einmal einen viel besseren Einblick in ihr Leben und ihre Situation. Oft gibt es einen Tee mit Keksen und ein wenig Small Talk mit meinen geringen Nepali-Kenntnissen. Die Häuser, Wohnungen beziehungsweise Zimmer sind immer unterschiedlich. Manchmal sind es Betonhäuser, in denen der Familie ein oder zwei Zimmer gehören. Diese liegen auch mal unter der Erde und haben keine Fenster. Andere Familien leben in kleinen Holz- oder Blechhäusern. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die gesamte Familie in einem kleinen Raum lebt, dort kocht, isst und schläft. Mir ist auch aufgefallen, dass ein paar Eltern wirklich sehr lange Arbeitszeiten haben und daher die Kinder oft auf sich allein gestellt sind.
 
Teachers Training – child protection:
Am Samstag hatten alle Lehrer ein Training beziehungsweise einen Vortrag zum Thema Kinderrechte. Zuerst wurde über verschiedene Arten von Misshandlung informiert. Dazu gehören zum Beispiel die körperliche, sexuelle, emotionale, spirituelle oder soziale Misshandlung sowie die Vernachlässigung oder die geschäftliche Ausbeutung. Anzeichen dafür sind Wunden, Bisse, Probleme in der Schule, antisoziales Verhalten, Angst vor Erwachsenen, Depressionen, Apathie, Stress, Konzentrationsschwierigkeiten, Aggressionen, ungeeignete Kleidung, Wachstumsprobleme, Sprachprobleme etc.

Danach wurden Möglichkeiten aufgeführt, wie man Kinderrechte in die Programme integrieren kann und wie man sich verhalten sollte, wenn sie missachtet werden. Zum Beispiel gibt es die Child welfare community (CWC), die eine Child Line eingerichtet hat – Tag und Nacht erreichbar.

Der Vortrag war wirklich sehr interessant und informativ und hat mich vor allem in Bezug auf die Anzeichen einer Misshandlung viel aufmerksamer gemacht. Ich finde, die Kinderrechte kann man sich gar nicht oft genug ins Gedächtnis rufen. Meiner Meinung nach sind solche Trainings und Vorträge unglaublich wichtig, denn wir haben tagtäglich mit Kindern zu tun, die größtenteils aus ökonomisch benachteiligten Familien kommen, und häufig sind mit dieser Benachteiligung auch Themen wie Drogen (z.B. Alkoholkonsum), Vernachlässigung der Kinder (zum Teil auch aufgrund langer Arbeitszeiten) etc. verbunden. Deshalb müssen die Mitarbeiter auch auf solche Themen vorbereitet werden!
 

Handabdruck eines Kindes – kunstvoll verwandelt

Strive:
Die Zeit in der Strive genieße ich gerade total, die Kinder sind einfach zuckersüß. Ende Juni werden die Prüfungshefte mit einigen Schreibübungen und ein paar von mir gestalteten Malaktionen an die Eltern verteilt. Diese Woche haben wir daher auch dort mit den Prüfungen begonnen. Die kleineren Kinder können gerade erst den Stift richtig halten und eine gerade Linie ziehen. Andere können schon ein „A" schreiben und wieder andere, vor allem die älteren, das gesamte Alphabet. Im Vergleich zum vorigen Jahr wurden die Schreibübungen allerdings etwas gelockert, worüber ich sehr  froh bin!

Die Malaktionen bestanden aus Flaschenfußabdrücken, die eine Blumenform ergaben und eigens von den Kindern gemaltem Rasen. Einige Kinder waren unglaublich konzentriert bei der Sache und haben wirklich überraschend gut die Grashalme mit dem Pinsel hinbekommen. Eine andere Aktion waren Handabrücke der Kinder, die ich dann in Löwen, Elefanten, Hühner oder Blumen verwandelt habe. Desweiteren wurde die Fingerfertigkeit der Schüler noch einmal mit der Übung trainiert, den vorgezeichneten Umriss einer Mango mit einem Buntsift nachzuzeichnen. Alle diese Übungen werden zusammen in einem Prüfungsheft gesammelt und anschließend bewertet. Später sind diese Hefte zudem hilfreich, um die Kinder auf einer Schule anzumelden.

 

 

April
Ein Orts- und Arbeitswechsel
 

Das Dorf Gitkolbong – Ausblick vom Balkon

Ein neues Abenteuer: Der Father machte mir den Vorschlag, für einen Monat in ein Dorf zu gehen und dort an einer neu eröffneten Schule zu arbeiten. Das Dorf Gitkolbong befindet sich unterhalb von Lava und eineinhalb Stunden von Kalimpong entfernt (vier bis fünf Stunden von Darjeeling). Ich stimmte sofort zu, obwohl es mir schwerfiel, „meine“ Kinder aus der Strive und die 20 Schüler des Study Centers zu verlassen. Sie sind mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen. Am liebsten hätte ich sie einfach alle in meinem Koffer gesteckt.

Also tauschte ich das laute und graue Stadtleben in Darjeeling gegen ein ruhiges und grünes Dorfleben. Der kleine Ortswechsel tat mir auch deshalb gut, weil mir die Stadtluft mit ihrem Dreck und den vielen Abgasen sehr zu schaffen macht. Mein starker Husten, sagt er Arzt, sei eine allergische Reaktion auf den Dreck in der Luft.

Auf Wunsch und Drängen der Dorfbewohner entschloss sich der Father, eine Schule zu eröffnen. Schulleiterin ist Laxmi, eine junge Mitarbeiteren des Hayden Hall. Vor einigen Jahren gab es bereits eine Schule für höhere Klassen, doch da ihr irgendwann die Schüler ausgingen, wurde sie geschlossen. Die neue Schule ist eine Grundschule mit 24 Kindern. Acht Kinder sind in der Nursery, die mit der Strive zu vergleichen ist, acht in der UKG, vergleichbar mit einer Art Vorschule. Jeweils zwei Schüler gehen in die 1. und 2. Klasse, drei  Schüler in die 3. Klasse. Insgesamt also eine überschaubare Menge – im Vergleich zu meinen 45 Schülern in der Strive und insgesamt 70 Schülern in der 3. und 3. Klasse im Study Center.

Der Schulalltag:

Gruppenfoto der Schüler und Lehrer

Die St. Clarence Primary School beginnt um neun Uhr mit dem klassischen Assembly, bei dem sich die Schüler klassenweise in Reihen aufstellen und das Gebet sprechen, die Schulleitung begrüßen, Marschübungen machen und die Anwesenheit überprüft wird. Anschließend geht es in die jeweiligen Klassen. Sowohl für die Schüler als auch für die Lehrer gilt eine Kleiderordnung. Die Schüler müssen ihre Schuluniformen tragen und die Lehrerinnen eine Kurta.

Um 12.30 Uhr gibt es eine einstündige Mittagspause, in der die Schüler ein warmes Mittagsessen bekommen, dass meistens aus einem Reis-Gemüse-Brei und einem halben Ei besteht. Danach schlafen die Kleineren aus der Nursery und die Größeren können auf dem Schulplatz Fußball, Springseil oder andere Spiele spielen. Am Nachmittag wird der normale Unterricht häufig von verschiedenen Aktionen wie Gemeinschaftsspielen oder Malaktionen unterbrochen.

Die Unterkunft:
Ich bin zusammen mit Jangmu, einer anderen Lehrerin aus der Strive, nach Gitkolbong gefahren und lebe mit ihr in der Wohnung der Schulleiterin Laxmi .

Bis vor einem Monat hatte das Dorf noch keine Stromanschlüsse, weshalb auch unsere Wohnung bisher nur mit zwei Glühbirnen und einer einzigen Steckdose ausgestattet ist. Bis zu meinem Zimmer ist die Stromverteilung noch nicht gekommen. Generell ist aber auf den Strom kein Verlass. Wir mussten schon oft mit Taschenlampen und Kerzen im Dunkeln unser Abendessen auf dem Gasherd zubereiten.

Trotzdem ist es ein unglaublich schönes Fleckchen Erde. Vom Balkon aus kann ich direkt auf die Berge schauen und die Morgensonne auf meiner Haut genießen. Der Hahn kräht, die Vögel zwitschern – wie im Bilderbuch! Ich habe das Gefühl, dass die Menschen hier noch viel mehr im Einklang mit der Natur leben. Bei Sonnenuntergang gehen sie schlafen, um am Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen wieder aufzustehen, meistens gegen 5.30 Uhr. An einem Morgen wurde ich von einem Vogel geweckt, der mit seinem Schnabel an mein Fenster klopfte, als wolle er mir vorwurfsvoll sagen: „Aufstehen. Die Sonne ist da. Was liegst du noch faul in den Federn?“

Das Toilettenhäuschen befindet sich außerhalb des Hauses, und ich darf den Komfort des indischen Hockklos genießen. Und ich finde nicht unbedingt, dass unser europäisches Sitzklo so viel besser ist. Die Zähne putze ich draußen im Gras mit einem kleinen Eimer Wasser neben mir. Bei diesem Morgenritual schaue ich geradewegs auf das Bergpanorama. Wasser zapfen wir morgens und füllen alle Eimer damit auf. Dass es kein fließend Wasser gibt, kenne ich schon aus Darjeeling. Dort musste ich in den vergangenen Monaten unzählige Wassereimer hochtragen, da es Probleme mit der Wasserleitung und dem Tank gab.

Wirklich erschreckend wie viel Wasser wir im Alltag wegschütten, einfach nur, weil wir ständig an neues kommen! Ich habe gelernt, bewusster mit Wasser umzugehen. Das Wasser aus der Wärmflasche bewahre ich zum Beispiel zum Händewaschen auf und auch mein Duschwasser benutze ich noch einmal: für die Klospülung.

Ganz typisch: Hier hat jeder Bewohner sein eigenes Schwein, seine drei bis vier Hühner, ein paar Ziegen und vielleicht sogar noch eine Kuh. Wir werden regelmäßig und liebevoll mit Milch und Fleisch versorgt. Das Dorf liegt etwas abseits, deshalb fährt einmal in der Woche ein Taxi in die nächstgrößere Stadt Lava zum Wochenmarkt. Dort decken sich die Bewohner mit Lebensmitteln ein. Täglich fährt das Taxi auch in das zwei Stunden entfernte Kalimpong, wo es auch Ärzte und Apotheken gibt.

Meine Aufgabe:

Malaktion mit den Schülern

Die neue Schule steckt sozusagen noch in den Kinderschuhen, deshalb entwickle ich Ideen, habe schon einige Malaktionen gestartet und Spiele gespielt, darunter das deutsche Laufspiel „Dreierklatsch“. Bei einer Malaktion haben alle Schüler klassenweise draußen im Grünen ihre Handabdrücke auf ein großes Blatt Papier gesetzt. Die Abdrücke wurden dann zu Fischen, Löwen, Hühnern oder einer große Sonne gestaltet. Die schönen und bunten Gemälde schmücken nun die jeweiligen Klassentüren.

Die meisten Lehrer, bis auf Laxmi, haben keine Ausbildung und sind sehr interessiert, Neues zu lernen. Vormittags helfe ich immer in der UKG mit acht Schülern. So habe ich ihnen zum Beispiel die Farben mit selbstgebasteltem Unterrichtsmaterial beigebracht, verschiedene Themen in Science und gegenteilige Wörter in Englisch (wie groß – klein, warm – kalt etc.).

Außerdem gebe ich mit meinem Laptop regelmäßig Computerunterricht, denn in der Schule ist kein Computer vorhanden und es hat auch kaum jemand einen zu Hause. Trotzdem ist es für die Schüler und ihre spätere Ausbildung wichtig, mit einem Computer umgehen zu können.

Wochenendgestaltung:
Normalerweise heißt es am Samstag: Schulfrei! Doch jeden dritten Samstag im Monat kommen alle Schüler und Eltern zusammen, um die Schule zu verschönern. Einige Mütter haben Blumenbeete angelegt, andere haben das hochgewachsene Gras mit einer Sichel abgeschnitten, und zwei Väter haben Treppenstufen hinunter zum Ground gebaut sowie einen Bambuszaun vor den Toiletten. Zum Picknick habe ich deutschen Kartoffelbrei beigesteuert, der bei den Indern aber eher zur Babynahrung oder zum Kinderessen abgestempelt wird. Viel zu wenige Gewürze und Öl, heißt es. Auch Tee mit Salz ist für mich gewöhnungsbedürftig, den habe ich eher widerwillig mit Keksen runtergewürgt.

 

 

März
„Break the Silence“ – Kampagne zum Internationalen Frauentag
 

Vortrag im Hayden Halls

Der März war ein recht stressiger Monat. Unter anderem wegen der Vorbereitungen für den Internationalen Frauentag am 8. März. Da Hayden Hall den Großteil seiner Programme vor allem auf Frauen ausrichtet, gab es eine große Kampagne gegen häusliche Gewalt – fünf Tage lang. Das Moto hieß „Break the Silence! – Darjeelings responds to domestic violence“.

Die Kampagne startete mit einem Malwettbewerb in allen Schulen von Darjeeling. Daher habe ich zusammen mit Binita und Sujata, zwei Mitarbeiterinnen des Hayden Halls, alle Schulen in Darjeeling besucht, um sie zum Malwettbewerb einzuladen und sie über den Ablauf zu informieren. Eine willkommene und interessante Abwechslung zu meiner gewohnten Arbeit, bei der ich noch einmal ganz neue Erfahrungen machen durfte.
 

Plakate – Ergebnisse des Malwettbewerbs in den Schulen

Am 5. März gab es dann ein Programm in den Dörfern von Darjeeling, bei dem einige unserer Mitarbeiter in die Dörfer gefahren sind, mit den Frauen über häusliche Gewalt geredet und sie informiert haben. Am Sonntag wurde für die Frauen aus Darjeeling ein kostenloser Gesundheitscheck in der Dispensery von Hayden Hall angeboten. Die Mitarbeiter, die nicht in dieses Programm involviert waren, so wie ich, haben sich in der Küche getroffen, um Gemüse zu schneiden. Denn am Montag kamen über 400 Leute in die Hallen des Hayden Halls, um an einem Workshop über Frauenrechte und häusliche Gewalt teilzunehmen. Darunter unzählige Schüler. Dank guter Planung lief alles geordnet ab. Und da am Vortag fleißig geschnippelt wurde, war genug Essen für alle da.
 

Auf dem Chowrasta haben sich viele Menschen versammelt.

Am Dienstag, dem offiziellen Frauentag, fand dann die Kampagne ihren gebührenden Abschluss mit einem umfangreichen Programm am Chowrasta (großer öffentlicher Platz). Auf dem Chowrasta wurden außerdem die besten Plakate des Malwettbewerbs der Schulen ausgestellt. So voll habe ich den Platz bisher noch nicht erlebt. Wahnsinn! Das Programm bestand aus unterschiedlichen Tänzen einer Tanzgruppe aus Siliguri, einem Drama über häusliche Gewalt, dass von Schülern und Frauen des Hayden Halls aufgeführt wurde, einem Tanz von unseren Schülern zum Thema und einigen kürzeren Reden und Vorträgen, sowie einem kurzen Beitrag einer Polizistin aus Darjeeling. Insgesamt eine sehr große Kampagne, die hoffentlich weite Kreise gezogen hat!

 

 

März
Happy Easter – mein Osterwochenende

Blick auf die Teegärten

Nach einer anstrengenden Arbeitswoche kamen die Osterferien genau richtig, um abzuschalten vom Alltagsstress. Mein Urlaub begann mit einer dreistündigen Messe nach der Arbeit. Osterzeit heißt Kirchenzeit, stellte ich schnell fest, denn an jedem Tag fanden mehrstündige Messen statt. Da ich mich im christlichen Kontext bewege, habe ich deshalb viel Zeit in der Kirche verbracht ;).

Den Karfreitag habe ich allerdings erst einmal für mich genutzt und mich entspannt. Mit einem guten Buch in der Tasche und der Sonne im Rücken – es war ausnahmsweise richtig schönes warmes Wetter – bin ich vor dem Stadtlärm in die Natur geflüchtet. Auf dem Weg in die grünen Teegärten habe ich zufällig das älteste buddhistische Kloster Darjeelings entdeckt. Ein sehr liebenswerter älterer Mann führte mich herum. Er erzählte mir etwas über die Geschichte des Klosters und zeigte mir ein original erhaltenes Wandgemälde in Goldfarbe. Anschließend machte er mich noch auf das Hilfzentrum für tibetische Flüchtlinge in der Nähe aufmerksam. Ich nahm mir seinen Hinweis zu Herzen und machte mich auf den Weg. Ähnlich wie in Hayden Hall werden auch dort Teppiche, Taschen, Pullover usw. für den fairen Handel hergestellt. Außerdem besuchen tibetische Flüchtlingskinder dort die Schule.

Am Samstag stand das Bemalen von Ostereiern auf dem Programm. Anschließend war ich auf dem Markt und kaufte unter anderem Kurtastoff, um mir eine Kurta, ein traditionelles Kleidungsstück, nach Maß schneidern zu lassen. Am Abend gab es wieder eine sehr sehr lange Messe (diesmal vier Stunden). Das Schöne war allerdings, dass die Gemeinde zu Beginn mit Kerzen in den Händen in die komplett dunkle Kirche einzog. Auch die Musikauswahl fand ich sehr schön.
 

Wasserfall in den Rock gardens

Mein absolutes Highlight war der Ostersonntag. Ein Ausflug zu den Rock gardens! Samjana und Tina, zwei der Mädels, die hier im Hostel leben, durften mitkommen. Zu dritt fuhren wir zunächst mit dem Taxi nach Dali, einem Stadtteil etwas außerhalb von Darjeeling. Danach ging es zu Fuß weiter. Die Straße führte uns in Schlangenlinien den Berg hinunter – bis sich uns ein atemberaubender Ausblick auf die Teegärten und auf unberührte Wälder an Berghängen bot. Ein breites Grinsen breitete sich auf unseren Gesichtern aus.

Die Mädels kommen selten einmal aus dem Hostel heraus, weshalb sie diesen Ausflug besonders intensiv genossen haben. Das machte auch mich superglücklich! Nach etwa einer Stunde erreichten wir die Wasserfälle: durchgeschwitzt und etwas müde. Denn anders als viele Touristen haben wir den Weg zu Fuß gemeistert und nicht wie üblich mit dem Auto. Auf der Hälfte des Aufstiegs hat uns dann allerdings ein sehr netter Fahrer angeboten, uns mit hoch in die Stadt zu nehmen. Das kam uns natürlich sehr entgegen. Nach einem Tee ging es dann wieder zurück zu den Schwestern der Bethany School.

Am Montag, meinem letzten Urlaubstag, bin nach mehr als einem halben Jahr mal wieder zum Friseur gegangen. Die Haare mussten ab! Sie sind jetzt um einiges kürzer. Aber die indische Friseurin hat gute Arbeit geleistet, und mit etwas Verhandeln war der Preis von 150 Rupies (etwa zwei Euro) ein richtiges Schnäppchen. Das Föhnen musste allerdings mangels Strom ausfallen

 

 

Februar
Mitarbeiterseminar, drei Arbeitstage und Zwischenseminar
 

Popcorn und heiße Schokolade am Lagerfeuer

Nach unserer kleinen Abenteuerreise besuchte ich zunächst ein Mitarbeiterseminar in Siliguri. Der gesamte Hayden Hall Staff verbrachte ein verlängertes Wochenende im Alpha Pastrol Centre in Matigara, einer weiteren Jesuiteneinrichtung. Am ersten Tag ging es erst einmal darum, sich selber schätzen zu lernen, eine positive Lebenseinstellung zu bekommen und dankbar zu sein. Diese Einheit war sehr abwechslungreich mit aktiven Übungen gestaltet und zu meinem Vergnügen auch viel auf Englisch. Ein guter Einstieg, um das Team zu motivieren und auf die folgenden Themen einzustimmen.

Am nächsten Tag ging es größtenteils auf Nepali um Rechte von Kindern und Frauen sowie um häusliche Gewalt. Am Nachmittag haben wir weitere Jesuiteneinrichtungen in der Umgebung besucht, das war eine willkommene Abwechslung und sehr interessant. An einem Abend wurde uns am Lagerfeuer noch einmal die Geschichte Hayden Halls erzählt, anschließend gab es für alle Popcorn und heiße Schokolade.

Am letzten Seminartag gab es Abteilungsmeetings, in denen das Jahr durchgeplant wurde. Da die Strive und das Study-Center nun mit Sujata eine neue Leiterin haben, hat sich einiges verändert. Dabei durfte ich mitreden und teilweise mitgestalten. Das hat mich sehr gefreut, denn inzwischen werde ich wirklich als Teil des Teams angesehen, und mein Rat ist manchmal sogar gefragt. Dadurch ist es auf der Arbeit nun gerade sehr spannend, da sich alles erst wieder neu einpendeln muss.

Nach dem Seminar bin ich nach mehr als einem Monat endlich wieder in den geliebten Bergen Darjeelings angekommen. Aber nach drei Tagen ging es für mich erneut auf Reisen, diesmal zum Zwischenseminar in den Süden nach Kochi in Kerala.

Während der drei Arbeitstage haben wir, da die Strive noch nicht geöffnet hatte, Klassenräume kontrolliert und Kinder zu Hause besucht. Vor allem die Hausbesuche fand ich sehr interessant, zu sehen, wo die Kinder aus der Creche, der Strive und aus dem Study Center leben. Wir haben auch einige meiner Schüler besucht. Meistens waren diese Wohnungen sehr bescheiden. Eine Familie hat oft nur einen einzigen kleinen Raum zum Leben, Kochen und Schlafen. Bei einer Familie hatte dieser Raum noch nicht einmal ein Fenster, und bei den meisten gibt es kein fließend Wasser. Die Familien holen ihr Wasser häufig von gemeinsamen Wasserstellen. Auch die Toiletten teilen sich mehrere Familien/ Bewohnern. In den Betten schlafen mehrere Personen. Die meisten Räume sind sehr dunkel, da sie nur mit einer Glühbirne ausgestattet sind. Bei den Wohnungen direkt in der Stadt hatte ich den Eindruck, dass sie unterirdisch total verwinkelt sind und nur durch kleine Gassen zu erreichen. Irgendwie logisch, denn Darjeeling liegt in den Bergen, deshalb liegen die Häuser am Hang. Je weiter außerhalb wir Kinder besucht haben, destso weniger eng wurden die Gassen und Wege.

Drei Tage unterwegs in einem überbuchten Zug

Bevor dann die Reise nach Kochi zum Zwischenseminar anstand, bin ich noch einmal nach Kalimpong gefahren, um Jakob, der nur für sechs Monate nach Indien gekommen war, zu verabschieden. Für ihn stand schon die Heimreise nach Deutschland an! Den letzten Abend haben wir Jakob ein Henna als Andenken an uns auf den Fuß gemalt und einen Film geschaut.

Ausflug zu einem großen Wasserfall. In den unteren Ausläufern kann man
schwimmen.

Am Morgen ging es für Louisa und mich zum Zwischenseminar nach Kochi und für Henri zum Zwischenseminar nach Mumbai. Louisa und ich steckten drei Tage durchgehend in einem überbuchten Zug. Normalerweise sitzen sechs Leute in einem Abteil, doch auf dieser Fahrt waren es so gut wie immer zwölf Leute. Solche Menschenmassen und solch eine Enge waren wirklich anstregend. Die Menschen saßen überall, sogar im Gang. Hatte man in der Nacht das unterste Etagenbett, saß immer ein Fremder mit auf dem Bett, ständig wurde man angestupst. Von Privatsphäre keine Spur!

Bei dem einwöchigen Seminar waren wir mit acht Leuten eine sehr kleine Gruppe, wobei Louisa und ich die längste Anreise hatten. Wir haben uns dann mit folgenden Themen beschäftigt: Ankunft/Ankommen in Indien, Rückblick auf das erste Halbjahr, Konflikte im Projekt, Rolle und Sinn als Freiwillige, Umgang mit Armut, als „Weiße“ in Indien, Ziele für das zweite Halbjahr und die Rückkehr nach Deutschland. An einem Tag machten wir alle einen Ausflug zu einem großen Wasserfall und waren anschließend in den unteren Ausläufern schwimmen. Da wir in Indien sind, ging das aber natürlich nur mit kompletter Kleidung.

Die Strive hat wieder geöffnet!

Ab dem 22. Febuar öffnete auch die Strive wieder ihre Türen. Sowohl einige „alte Hasen“ als auch viele neue kleine „Küken“ bilden nun unsere neue Strive-Gruppe. Insgesamt besteht unsere Gruppe jetzt aus 47 Kindern, doch es kommen noch immer ab und zu neue Kinder dazu.

An den ersten Tagen gab es viele Tränen, denn vielen Kindern fiel es schwer, sich von ihren Müttern zu trennen und sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Einige Kinder weinten sogar den ganzen Tag. Ein nervenaufreibendes Schauspiel, ganz abgesehen von der ohrenbetäubenden Geräuschkulisse!

Zunächst stand das Kennenlernen auf dem Programm, die Kinder mussten sich mit der Umgebung, mit uns Erziehern/Teachern, untereinander und mit den täglichen Abläufen vertraut machen. Daher waren die ersten Tage viel mit freiem Spiel gestaltet. Ich war total verzaubert von den vielen kleinen süßen Mäusen und war froh, wieder so viele Kinder um mich zu haben! Im Vergleich zu meiner Ankunft im vergangenen Jahr Jahres fiel mir die Kontaktaufnahme leichter. Auch, weil meine Nepalikenntnisse besser geworden sind. Es war einfach super schön zu sehen, wie schnell ich das Eis zwischen den Kindern und mir brechen konnte, so dass die Kinder mir bereits am dritten Tag Kusshände zum Abschied zuwarfen! :)

Am Anfang noch schüchtern und verhältnismäßig pflegeleicht, erproben sie nun, nach etwa zwei Wochen ihre Grenzen. Was ist erlaubt? Was nicht? Wie reagieren die Lehrer? Und wie in jeder Gruppe haben wir auch dieses Jahr wieder so einige Rabauken dabei. Besonders beeindruckend ist auch, dass die Kleinen der alten Gruppe vom vergangenen Jahr nun auf einmal die Großen sind.

In den letzten Wochen ist mir auch wieder die mangelnde Hygiene aufgefallen. Einige Mütter wissen es nicht besser, haben zu Hause keinen direkten Wasseranschluss – viele Gründe spielen eine Rolle! So habe ich bei einem kleinem Jungen zwischen den Zehen eine stark vereiterte Wunde entdeckt, die vermutlich auch dadurch entstanden sein könnte, dass der Fuß nicht gewaschen wurde und sich so auf Grund von Dreck zwischen den Zehen eine Entzündung gebildet hat.

Wir haben den Jungen dann zusammen mit seiner Mutter zur hauseigenen Dispensery geschickt, in der die Wunde kostenlos versorgt wurde und sich inzwischen auch sehr gut entwickelt hat. Letztens habe ich allerdings wieder bemerkt, dass seine Fußsohlen fast komplett schwarz vor Dreck waren (in Indien wird sehr viel barfuß gelaufen), so habe ich daher kurzerhand warmes Wasser, Seife und einen Lappen genommen und seine Füße geschrubbt. Davon war er natürlich nicht sonderlich begeistert, doch die gerade ansatzweise verheilte Entzündung sollte sich nicht wieder von neuem entzünden! 
 

Pia mit Kindern in der Strive. Dieses Eingangsbild hat sie mit den Kleinen
gestaltet.

Unglaublich herzerfrischend ist die total unverbrauchte Energie, die die Kleinen versprühen! Unglaublich wie lebendig und fröhlich sie sind! Wunderschön und absolut ansteckend!

Die älteren Kinder, die bereits letztes Jahr bei uns waren, beginnen schon langsam wieder das englische Alphabet zu üben. In dieser Zeit übernehme ich dann die über 20 kleineren und neuen Kinder, um mit ihnen Spiele und erste einfache Schreibübungen zum Erlernen der richtigen Stifthaltung etc. zu machen.

Zu Beginn des neuen Jahres und der neuen Gruppe habe ich das Eingangsbild geändert. Jedes Kind hat seinen Handabdruck auf großes blaues Papier gesetzt. Darunter wurde der Name jedes einzelnen geschrieben, so dass ein großes Gruppenbild mit allen Mitgliedern entstand. Kunstvoll habe ich daraus dann eine Unterwasserwelt mit 47 kleinen Fischen gezaubert. Mögen die 47 kleinen Fische im kleinen Teich der Strive schwimmen lernen, bevor sie dann ins große Meer gelassen werden und ihre eigenen Weg erschwimmen!
 

 

Januar
Auf großer Fahrt – meine Reise durch Indien

Probesitzen am Steuer einer Rikhaw – natürlich nur im Ruhezustand

Vom 23. Dezember bis 26. Januar blieben die Türen des Hayden Halls geschlossen. Winterferien! So wartete ein ganzer Monat Urlaub auf mich. Unsere Reise quer durch Indien startete in Siliguri.

Unser Hauptverkehrsmittel, um von einem Ort zum anderen zu reisen, war die Indian Railway. Mit den Langstreckenzügen haben wir unzählige Kilometer hinter uns gebracht und so einige Nächte in der Sleeper Class verbracht. Bei der Sleeper Class ist jeder Waggon mit mehreren offenen Abteilen ausgestattet, die immer aus sechs Betten bestehen, mit jeweils drei Betten übereinander. In der Mitte befindet sich ein schmaler Gang und an der Seite wieder zwei weitere Betten übereinander.

Bereits in unserer ersten unruhigen Nacht mussten wir feststellen, dass auf Schlafenszeiten kaum Rücksicht genommen wird. Schon frühmorgens wurden wir durch laute Schreie wie „Chai chai chai“ oder „Pani pani pani“ geweckt. Ja klar, wer möchte nicht, wenn er gerade unsanft geweckt wurde, einen Tee oder Wasser?! Doch bald haben wir das Zugentertainment liebengelernt, und es gibt wirklich fast nichts, was man im Zug nicht bekommen kann: von verschiedenen Getränken, über unzählige verschiedene Mahlzeiten bis hin zu Kleidung, Nähzeug und Bettlaken.

Toilette an Bord war ein Hock-Klo

Zu den unzähligen Verkäufern kommen noch Bettler, Musiker, „Klatschweiber“ (Transsexuelle, Transgender), die die Männer belästigen, bis sie Geld bekommen. Auch Affendomteure machen die Zugfahrt zu einer kleinen Überraschungstüte, so dass es nie langweilig wird.

Durch die Fenster und die meistens offenstehenden Zugtüren wehte mir der frische Fahrtwind direkt um die Nase, und schnell zog die Landschft an mir vorbei – Seen, Flüsse, Felder, Palmen, Häuser, Städte, Dörfer ... Das Reisen mit dem Zug macht unglaublich viel Spaß! Auf jeder Fahrt lernten wir neue Leute kennen und schnell kam man miteinander ins Gespräch.

Ausgestattet mit einem indischen Hock-Klo, das direkt auf die Schienen führt, war auch eine Toilette an Bord. Absolute Mangelware hingegen waren Mülleimer, so dass auch wir unseren Müll durch das offene Fenster entsorgen mussten. Eine Überwindung für uns.

Nach einer Weile habe ich das Rattern der Schienen sowie das sanfte Rütteln der Wagen als angenehm empfunden und wurde Nacht für Nacht sanft in den Schlaf geschaukelt. Wenn da nicht diese Hupe wäre! So gut wie jedes Fahrzeug in Indien weiß sich seiner Hupe zu bedienen, egal ob auf der Straße oder auf den Schienen!

Für kürzere Strecken haben wir uns dann meistens der kleinen dreirädigen Rikshaws bedient. Leider gibt es diese schnuckeligen kleinen Wagen bei uns in den Bergen gar nicht. Mit vier Personen und vier dicken Rucksäcken haben wir den sehr begrenzten Platz, der normalerweise nur für drei Personen ausgelegt ist, komplett ausgenutzt.

In Großstädten wie Mumbai haben wir auch auf die unglaublich günstigen Lokalzüge zurückgegriffen. 15 Kilometer Zugfahren kosten nur 5 Rupies. Umgerechnet sind das gerade einmal 7 Cent. Absoluter Wahnsinn! Dafür waren in Mumbai die Züge während der Rush Hour dementsprechend überfüllt. Zum Teil sprangen die Leute schon auf die Züge auf, bevor sie zum Halten kamen, und hielten sich an der Zugtür fest. Ein ganz schönes Spektakel!

Immer bessere Strategien beim Handeln entwickelt

Sowohl in Darjeeling als auch in den Großstädten ist mir das Müllproblem Indiens aufgefallen. Müllhaufen sammeln sich an den Hängen und in unzähligen Ecken, wo dann Hunde, Kühe und Schweine in den Essensresten wühlen. In der Luft kreisen riesige Greifvögel. Oft wird der Müll direkt vor dem Haus verbrannt. Dementsprechend riecht es an vielen Orten unangenehm. Hinzu kommt, dass es kaum Mülleimer gibt. Es ist üblich, den Müll einfach irgendwo hinzuschmeißen. Überall tummeln sich Straßenhunde, Kühe stehen herum und werden auch dann nicht verscheucht, wenn sie sich mitten auf einer stark befahrenen Straße befinden. In Varanasi und Goa haben wir dann auch noch freilebende Papageien sehen dürfen.

Besonders positiv während der Reise habe ich die Gastfreundlichkeit der Inder empfunden Fast immer wurden wir freundlich empfangen, und wenn wir nach dem Weg oder Sonstigem fragten, wurde uns geholfen.

Handeln! Ganz wichtig. Das gibt es in Deutschland so gut wie gar nicht mehr. In Indien hat es allerdings noch einen sehr hohen Stellenwert. Feste Preise gibt es eher selten. So haben auch wir auf unserer Reise oft und viel gehandelt, vor allem bei den Gästehäusern, aber auch bei Einkäufen auf den Märkten. Dabei entwickelt man immer bessere Strategien. Ein Abenteuer!
 

Thali, ein indisches Hauptgericht

Egal, wo ich in Indien war: Das Essen war immer lecker! Vor allem das einfache indische Gericht  Tahli habe ich liebengelernt. Ein Teller mit Reis, Dahl, verschiedenen Gemüsesorten, Chapati und Kurt (einer Art Quarkgemisch, um die Schärfe abzulöschen), und je nach Wunsch gibt es auch noch Chicken- oder Fishthali. Besonders preiswert mit teilweise 70 Rupien (etwa 1 Euro) und dazu immer lecker! 

Im Süden haben mich dann vor allem die super leckeren und frischen Früchte beeindruckt. Kokosnüsse am Strand in Goa, riesige Guavas, Melonen, Bananen, Orangen ... Ein absoluter Früchtetraum!! Ein besonders verbreitetes Getränk war außerdem der Lassi, ein Milchgetränk, das es in unterschiedlichen Ausführungen gibt. Ob Kokosnuss-, Mango-, Schoko- oder Erdbeergeschmack – für jeden war etwas dabei!

In den Großstädten haben wir nach etwa einem halben Jahr zum ersten Mal wieder einen Supermarkt gesehen. Ich war zuerst total erschlagen und überfordert, zumal ich nur noch den hektischen und überfüllten Markt gewohnt war, bei dem man von Stand zu Stand läuft und nicht alles auf einmal bekommt. Die Großstädte sind mir außerdem durch die vielen westlichen Einflüsse in Erinnerung geblieben (vor allem das Zentrum von Delhi). Auf einmal fährt ein Mercedes an einem vorbei, an den Straßenecken gibt es McDonalds, Burger King und KFC, und es gibt sogar Bürgersteige. Aus dem chaotischen indischen Verkehr wurde ein ansatzweise geordneter Kreisverkehr und in der Einkaufstraße kann man gemütlich durch Vero Moda, Adidas etc. bummeln.

 

 

Indien ist wirklich ein riesiges Land, das eine unglaubliche Vielfalt an Landschaft, Kultur und Menschen aufweist. Ein paar Eindrücke können meine kurzen konkreten Reiseerlebnisse geben:

Varanasi, die heilige Stadt am Ganges, hat mich mit ihrer sprituellen Atmosphäre gut ins neue Jahr gebracht. Die öffentlichen Verbrennung der Toten, sowie die Morgen- und Abendgebete haben mich sehr beeindruckt. Im Hinduismus ist es nämlich sehr erstrebenwert, in Varanasi zu sterben, da dort die verbrannte Asche in den heiligen Ganges kommt und der Tote daher direkt ins Niwana. Aufgrund der Heiligkeit des Flusses waschen sich täglich unzählige Hinduisten im verdreckten Wasser des Ganges.

Delhi habe ich als Touristenattraktion wahrgenommen, bei der man von einer Sehenswürdigkeit zur Nächsten rast . So war ich froh, als es dann nach Bikaner in die Wüste ging. Nach einer genialen Kamelsafari haben wir, eingekuschelt in viele Decken, direkt unter dem Sternenhimmel geschlafen. Anschließend ging es wieder in eine riese Metropole – Mumbai. Dort haben wir eine Bekannte besucht, die durch das Projekt „Teach for India!“ in einer Schule im Slum unterrichtet. Zuerst haben wir ihre Schule und anschließend einige ihrer Schüler besucht. Die Familien leben ähnlich wie die Familien meiner Schüler in sehr kleinen Zimmern oder Wohnungen auf sehr engen Raum, doch da immer mehr Leute voller Hoffnung in die aufstrebende Metropole kommen, wird der Platzmangel immer größer. Der Slum ist dabei von außen begrenzt und kann nur nach innen wachsen, wodurch die Gassen noch enger werden. Außerdem müssen die Einwohner meistens sehr viel Miete für die kleinen und teilweise schlechten Wohnungen zahlen, wodurch sie es nur selten schaffen aus dem Slum zu kommen.

Bis auf einen ausgtrockneten Fluss, der komplett nur aus Müll bestand, machte die Gegend allerdings einen besseren Eindruck, als zuvor von mir erwartet, denn ähnliche Wohnsituationen habe ich schon bei mir in Darjeeling gesehen. Jedoch kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sich die Situation, sobald irgendwelche Katastrophen einsetzen, drastisch verschlechtert.
 

 
Romantischer Sonnenuntergang in der Stadt Udaipur

Nach unseren Besuchen haben wir dann eine Rikshaw genommen und waren in nur 15 Minuten in einem rießigen Shoppingcenter, das sogar eine Achterbahn im obersten Stockwerk hatte. Daran habe ich die Kontraste unglaublich radikal mitbekommen – Arm lebt neben Reich und die Kontraste sind erschreckend!

Danach ging es in das wunderschöne Udaipur, dass einfach bezaubernd war mit seiner malerischen Landschaft, seinen Bergen, seinen vielen Palästen und dem klaren Seewasser, in dem sich die gesamte Stadt noch einmal mit ihrem Spiegelbild präsentiert. Kein Wunder, dass in dieser Stadt viele Filme gedreht wurden!

Zum Abschluss gab es dann noch Urlaub vom Urlaub in Goa. Strand, Palmen und Meer – was will man mehr? Ganz entspannt haben wir dort die Reise in einer Strandhütte am Meer ausklingen lassen und die letzte Wärme genossen, bevor es dann wieder in die kühlen Berge ging.

 

Dezember
Weihnachten in Darjeeling
 

Krippenspiel

Unglaublich, wie die Zeit vergeht. Jetzt haben wir schon Ende Dezember! Ein Monat mit unglaublich vielen Veranstaltungen und neuen Eindrücken liegt hinter mir.

Zu Beginn des Monats hieß es für die Schüler erst einmal: fleißig lernen, lernen, lernen, denn die Endjahresprüfungen standen vor der Tür. Die Schüler aus dem Study-Center haben wir in dieser Zeit besonders sorgfältig auf die einzelnen Prüfungen vorbereitet, allerdings bestand diese Vorbereitung zum größten Teil nur aus simplem Auswendiglernen der Prüfungsfragen. Auch die Kinder in der Strive mussten in dieser Zeit das Alphabet und die Zahlen, die wir zuvor täglich mit ihnen geübt hatten, in ihre Prüfungshefte schreiben. Diese wurden dann später bewertet und den Kindern am letzten Tag in Anwesenheit der Eltern vom Father überreicht. In diesen Prüfungsheften befinden sich neben dem Alphabet und den Zahlen auch kreative Malübungen der Kinder. Einige unserer älteren Kinder werden uns nun leider verlassen und in den KG, eine Art Vorschule, kommen. Im Februar erwarten uns dann allerdings auch ganz viele neue kleine „Mäuse“.

Außerdem warteten in diesem Monat unglaublich viele Veranstaltungen auf uns. Angefangen vom Childrensday und der Verabschiedung von Francisca, bis hin zu verschiedenen Weihnachtsfestlichkeiten. Dadurch waren alle rund um die Uhr beschäftig, und auch mir wurde eine Aufgabe zugeteilt. Die bestand darin, die Dekoration mitzuorganisieren und zu gestalten. So hieß es dann, etwa 20 Adventskränze zu binden, unglaublich viele Sterne und Glocken auszuschneiden und eine riesige Halle in eine weihnachtliche Stimmung zu versetzen.

Nach den letzten stressigen Tagen vor der großen Weihnachtsfeier am 19. Dezember gab es ein großes Weihnachtsessen, bei dem die Küche mit Hilfe aller Angestellten für über 400 Leute ein warmes Mittagessen „zauberte“. Das erforderte natürlich eine gute Organisation. Während die ersten Leute noch aßen, nahm bereits der zweite Durchgang im Warteraum Platz. Neben dem Essen gab es auch noch etwas weihnachtliche Musik und ein Krippenspiel der älteren Schüler des Study-Centers zu bestaunen. Am Ende ließen wir das Fest mit sponaten Tänzen ausklingen.
 

Krippe in der Kirche

Zum Jahresabschluss ging es zusammen mit allen Mitarbeitern und dem Father ins Kino. Dort durfte ich mir meinen ersten Bollywoodfilm in der mir unverständlichen Sprache Hindi anschauen. Doch auch ohne Sprachkenntnisse waren Liebesdrama, Schlägereien und Tanzeinlagen, die eigentlich so gut wie immer in einem Hindifilm vorkommen, zu verstehen.

Und dann stand auch schon Weihnachten vor der Tür, das ich hier im weihnachtlich kühlen Darjeeling bei den Schwestern verbracht habe. Schon Tage vorher wurde dekoriert: Tannenbaum, Adventskranz und Krippe. Absoluter Blickfang waren dabei die vielen bunten Lichter mit ihren blinkenden Farbwechseln. Am 24. ging es abends in die weihnachtlich geschmückte Kirche, und ich stellte fest, dass es gar nicht so einen großen Unterschied zum deutschen Weihnachtsfest gibt.

Zunächst legte der Bischof das Christuskind in die Krippe zu Maria und Josef gelegt. Dann begann der Gottesdienst, begleitet von Weihnachtsliedern, sowohl auf Nepali, als auch auf Englisch. Durchgefroren rannten wir nach über zwei Stunden zu den Schwestern zurück, wo uns einige Süßigkeiten und ein kleines Geschenk erwarteten.
 

Essenspakete werden an Bedürftige verteilt.

Am 25. Dezember habe ich mitgeholfen Essenpakete mit Reis, Dahl, Kartoffeln und ein paar Süßigkeiten an etwa 200 bedürftige Frauen und Männer zu verteilen. Am Abend dann Kontrastprogramm: Ich durfte mir in einem Luxushotel ein Konzert einiger Schüler der Gandhi Ashram School anhören. Eine Reise durch zwei Welten!

Das obligatorische Weihnachtsessen gab es am 26. Dezember, abends mit Father Paul und Father Stanley sowie den anderen Freiwilligen aus Kalimpong. Shanti vewöhnte uns an diesem Abend mit einem leckerem Brathuhn, Tandori Chicken, Frikadellen, Fischbällchen und Gemüsereis.

Nachdem ich Weihnachten auf  indisch-christliche Weise gefeiert habe, mache ich mich jetzt gemeinsam mit den anderen drei Freiwilligen aus Kalimpong, Louisa, Jakob und Henri, auf die abenteuerliche Reise, Indien zu erkunden, denn die Weihnachtsferien sind hier einen ganzen Monat lang und in den Schulen gehen sie sogar teilweise über zwei Monate. So haben wir also viel Zeit, um das große Land Indien zu entdecken und auch einmal in die heißen Orte Indiens einzutauchen. Das kommt mir sehr entgegen, denn Darjeeling soll im Januar sehr kalt sein, und ohne Heizung und Warmwasser – wenn es drinnen genauso kalt ist wie draußen – ist es teilweise schon sehr unangenehm. So flüchte ich also in die Wüste, an den Strand, aber auch in Großstädte wie Mumbai und Dehli.

Silvester werden wir in Varanasi am Ganges zusammen mit einer weiteren Freiwilligen, Caro aus Bophal, feiern. Von dort startet dann auch unsere Reise quer durch Indien! Das wird bestimmt ein unglaublich eindrucksvoller und unvergesslicher Reisemonat, von dem es sicherlich viel zu berichten geben wird!

 

 

Oktober/November 2015
 Urlaub im Gebirge 

 

Sonnenaufgang am Kangchendzonga in Tumbling

Nach einer längeren Arbeitsphase durfte ich eine Woche Urlaub genießen. Der Grund war Deshira, ein nepalisches und hinduistisches Festival, das mehrere Tage lang gefeiert wird. Zusammen mit den drei anderen Freiwilligen aus Kalimpong, Louisa (Klavierlehrerin), Henri (Geigenlehrer) und Jakob (Geigenbauer) haben wir uns an diesem Fest aufgemacht, um noch weiter in die Berge des Himalaya vorzudringen. Am Sonntag sind wir mit dem Auto nach Mane Bhanjan gefahren, wo unser Wandertrip startete. Gut ausgestattet mit Backpackerrucksack, Wanderschuhen und unserem Guide, Radju, ging es dann zu Fuß in die Berge bis nach Tumbling, unserem ersten Zwischenziel, an dem wir total erschöpft und durchgeschwitzt angekommen sind. Nachdem wir dort unser Abendessen zu uns genommen hatten, sind wir todmüde ins Bett gefallen. Für mich war die Nacht allerdings nicht ganz so erholsam, da mich mein Magen wachgehalten hat.

Trotzdem hieß es dann um 5.30 Uhr aufstehen, um den wunderschönen Sonnenaufgang zu bestaunen. Zu dem Zeitpunkt war uns allerdings noch nicht bewusst, dass dies unser erster und auch letzter Sonnenaufgang mit so klarer Sicht auf den Kangchendzonga sein würde. Nach dem Frühstück ging es auch gleich wieder los. Eher müde und etwas kränklich, aber vom Anblick des genialen Sonnenaufgangs total motiviert, brach ich dann zu unserer schwersten Wegetappe auf: An diesem Tag sind wir 21 Kilometer enorm steile Wege gelaufen und meisterten dabei über 1000 Höhenmeter.

Dementsprechend war ich unglaublich froh, als wir endlich Sandakphu erreicht hatten und uns auf 3658 Höhenmetern befanden. Von Sandakphu hat man normalerweise eine unglaublich gute Sicht auf den Kangchendzonga und kann sogar den Mount Everest sehen. Leider blieb diese gute Sicht für uns aus, denn dort oben war es total bewökt und superkalt!
 

Kuh am Berghang

Nachdem sich mein Magen wieder erholt hatte, ging es am dritten Tag mit frischem Elan nach Phalut. Diese Strecke war sowohl landschaftlich, als auch von den Weggegebenheiten sehr angenehm und stärkte unsere Wanderlust enorm. Links und rechts der Wege grasten vereinsamt Kühe an den Hängen der Berge und versprühten mit ihren Glocken eine super idyllische und entspannende Atmosphäre. Einfach unbeschreiblich!

In Phalut mussten wir dann wegen Platzmangels in der Hütte in einer Art Lagerraum zusammen mit den Guides auf Matratzen auf dem Boden schlafen. In dieser Hütte gab es auch keinen Strom und kein fließend Wasser. Meinen Föhn, den ich dummerweise mitgeschleppt hatte, war nur unnötiger Balast. Doch welcher Föhn kann schon von sich behaupten, auf 3658 Metern im Himalayagebirge gewesen zu sein?
 

Wandergruppe im Bambusdschungel

Die Strecke von Phalut nach Ramman zog sich dann durch kleine wunderschön grüne Bambusdschungel und wurde von einem verhältnismäßig warmen und sonnigen Wetter begleitet, so dass wir, als wir in unserer Mittagspause an einem Fluss halt machten, natürlich sofort unsere warmgelaufenen und verschwitzten Füße hineinstreckten, um uns zu erfrischen. Das gute Wetter begleitete uns auch noch weiter von Ramman nach Rimbick und versprühte angenehme Wärme, die wir zuvor in den höher gelegenen Gegenden manchmal wirklich vermisst hatten.

In unserem Zielort Rimbick, angekommen, mussten wir wegen der Feiertage drei Stunden (indische Pünktlichkeit) auf ein Taxi warten, so dass wir Darjeeling erst am Abend erreichten und damit unseren Wandertrip erfolgreich überstanden hatten. Einmal ganz allein in der teilweise unberührten und wunderschönen Natur des Singalila Nationalparks an der Grenze zwischen Indien und Nepal zu laufen, war wirklich ein unglaublich genialer und unvergesslich schöner Trip.

 

 

September 2015
Das Abenteuer kann beginnen!
 

Blick auf die weißen Berge des Kangchendzonga

Endlich kann mein großes Abenteuer Indien beginnen. Unseren ersten Flugtermin mussten wir aufgrund von Visaproblemen umlegen, so dass sich unsere Ausreise verzögerte. Umso größer war dann natürlich meine Vorfreude, als es endlich losging! Schweren Herzens musste ich mich aber vorher von meiner Familie und meinen Freunden verabschieden. Und dann war es auf einmal soweit und ich saß im Flugzeug! Über die Wolken, durch den Himmel und ab in die Berge führte mich der Weg zu meinem Zielort Darjeeling, der jetzt für elf Monate meine neue Heimat sein wird. 

Darjeeling ist eine Stadt, die mitten im Himalayagebirge liegt. Auf einer Höhe von über 2500 Meter durfte ich sogar schon den wunderschönen Ausblick auf die weißen Berge des Kangchendzonga (8598 m) genießen. Allerdings kommt solch eine klare Sicht hier eher selten vor, denn häufig ist Darjeeling von dicken Wolken eingehüllt, die zur Monsunzeit auch einige Regenschauer verursachen.
 

Affentempel: Die freilebenden Affen werden
von den Hinduisten verehrt.

Trotzdem sind die Straßen von Darjeeling immer voller Leben. Unzählige Menschen und vor allem die vielen Autos prägen das Straßenbild. Letztere sind auch der Grund für die laute Geräuschkulisse, denn die unterschiedlichen Autos veranstalten ein regelrechtes Hupkonzert, das man sogar in meinem Zimmer hören kann.

In den ersten Tagen habe ich mit zwei anderen Freiwilligen aus Kalimpong erst einmal die Stadt und einige Sehenswürdigkeiten erkundet. Wir haben zum Beispiel den Affentempel besucht, der seinem Namen alle Ehre macht, denn dort gibt es wirklich unzählige freilebende Affen, die von den Hinduisten verehrt und deshalb gefüttert werden. Dieser etwas höhergelegene Ort ist wirklich wunderschön, und am eindruckvollsten ist die Stille dort oben – eine Auszeit vom ständigen Hupkonzert und den bellenden Straßenhunden in der Nacht. Man kann sogar die Vögel zwitschern hören. Zudem ist der Tempel rundherum mit Gebetsfahnen geschmückt, die den Ort unglaublich bunt und lebensfroh machen.

Am nächsten Tag haben wir dann den Markt erkundet, der uns mit all seiner Fülle an Gemüse, Gewürzen und wunderschöner indischer Kleidung und Tüchern begeistert hat. So viele Gassen und Stände – ein Traum! Auf dem Markt haben wir auch unsere ersten Besorgungen erledigt, wobei uns eine weitere Besonderheit aufgefallen ist: Die Inder wickeln so gut wie alles in Zeitungspapier ein, egal ob Fisch oder Klopapier.
 

Kinder der Preschool

Nach ein paar Tagen zum Einleben begann dann auch meine erste Arbeitswoche in der Hilfseinrichtung Hayden Hall. Mein Aufgabenbereich dort ist die Preschool, eine Art Kindergarten und Vorschule, sowie die Abendschule, in der ich in der dritten und vierten Klasse tätig bin. Ich war ganz verzaubert von den süßen kleinen Mäusen im Kindergarten, die gerade mal zwischen zwei und drei Jahren alt sind. Der Erziehungsstil ist allerdings im Vergleich zum Deutschen von wesentlich mehr Disziplin und Strenge geprägt, beidem die Kinder in ihren jungen Jahren das Alphabet und die Zahlen auf Englisch schreiben und sprechen lernen. In der Abendschule wiederholen die Schüler das Erlernte aus dem Unterricht. Meine Aufgabe besteht dann darin, das Wiederholte der Schüler zu korrigieren.
 

Nachdem ich meine erste Arbeitswoche erfolgreich überstanden hatte, habe ich am Sonntag, meinem freien Tag, einen Ausflug zum japanischen Tempel gemacht, der etwa eine halbe Stunde Fußweg von den Schwestern, bei denen ich lebe, entfernt ist. Ein unglaubliches Gebilde, vor allem die goldenen Statuen und die Reliefs haben mich enorm beeindruckt. Außerdem strahlte auch dieser Ort wieder eine enorme Ruhe aus.

Ausflug zum japanischen Tempel