09.03.2017

Ruller Wallfahrtsverein Meppen wird 125 Jahre alt

Mit neuer Fahne nach Rulle

Fünf Tage lang sind die Pilger unterwegs, von Meppen nach Rulle und zurück, insgesamt 160 Kilometer. Der Ruller Wallfahrtsverein Meppen, der seit 125 Jahren besteht, bekommt jetzt eine neue Fahne.

 

Schlaufen und Fransen fehlen noch: Die Handstickerinnen Nicole Jansen (links) und Judith Schneider-Schrief zeigen die fast fertige Fahne. Fotos: Andrea Kolhoff

Ockergelb leuchtet die Kirche dem Betrachter entgegen, plastisch treten die grauen Fensterrahmen hervor, die roten Dachziegeln scheinen in der Sonne zu glänzen. Ja, das ist unverkennbar die Ruller Kirche St. Johannes, wie sie sich den Pilgern aus dem Emsland am Ende des zweiten Tages der Ruller Wallfahrt präsentiert. „Genau diese Ansicht sehen wir, wenn wir ankommen“, sagt Heinz-Dieter Sur. Zusammen mit Maria Gertken ist er an diesem Vormittag zum Benediktinerinnenkloster nach Osnabrück gefahren, um in der Paramentenwerkstatt die neue Wallfahrtsfahne zu begutachten. Sie zeigt einen gewundenen Pilgerweg von der Meppener Propsteikirche bis zur Ruller Kirche, vorbei an St. Bartholomäus Schwagstorf.

Alle drei Kirchen auf der Fahne sind in aufwendigen Stickarbeiten gestaltet. Hinzu kommen aufgestickte Feldsteine als Symbole für die Beschwerlichkeit der  Fußwallfahrt sowie eine Darstellung des Blutwunders von Rulle: der Legende nach haben sich dort im Mittelalter Hostien blutrot verfärbt. Außerdem ist auf der neuen Wallfahrtsfahne die Pietá von Rulle zu sehen, denn Ziel der Wallfahrt sei ja nicht einfach die Kirche von Rulle, sondern das Gnadenbild der Muttergottes, meint Bernadette Düvel.

Düvel leitet die Paramentenwerkstatt im Benediktinerkloster und hat in Absprache mit Vertretern des Ruller Wallfahrtsverein die neue Fahne entworfen. Die Kosten in Höhe von etwa 5000 Euro werden aus Rücklagen und Spenden bezahlt, außerdem hoffe der Wallfahrtsverein auf Zuschüsse, sagt Maria Gertken (60) vom Wallfahtsverein. Die alte Fahne sei aber inzwischen zu verschlissen gewesen. Und sie wurde, damit sie in einer Kiste Platz findet, offenkundig viel zu oft gerollt. Das aber, so erläutern Düvel und ihre Kolleginnen, vertrügen Stoff und Stickarbeiten nicht. Ihr Tipp: Die neue Fahne sollten die Wallfahrer einfach dreifach einschlagen.

Exerzitienhaus der Thuiner Franziskanerinnen ist Übernachtungsort

Während des Fußmarsches, der von Meppen nach Schwagstorf und am zweiten Tag von Schwagstorf bis nach Rulle geht, wird die Fahne nur getragen, wenn die Pilger aus dem Ort hinausmarschieren sowie beim Einzug in einen Ort. Sie sei zu schwer, um sie dauerhaft voranzutragen, erläutert Heinz-Dieter Sur (72). Vor allem auf den Nebenstraßen und Feldwegen werde es sonst zu beschwerlich.
 

Diese Ansicht der Ruller Wallfahrtskirche wurde als Detail auf den blauen
Fahnenstoff gestickt.

Mit Hin- und Rückweg werden in den fünf Tagen der Wallfahrt 160 Kilometer gelaufen, „das ist ja auch kein Pappenstil“, meint Sur. Er selbst sei schon 50mal mitgewesen, habe also auch schon seine 8000 Kilometer absolviert.

Maria Gertkens ist seit 1983 dabei und hat etwa 25mal teilgenommen. Wie viele andere  nimmt sie sich Urlaub: zwei Tage vor und zwei Tage nach dem 1. Mai. Am Maifeiertag halten sich die Wallfahrer in Rulle auf. Viele übernachten bei Familien, das hat ebenso Tradition wie das leckere Abendessen, das es in den Gastfamilien gibt. Gertken findet ihren Schlafplatz bei einer Familie, in der die Gastgeber inzwischen verstorben sind, Sohn und Schwiegertochter aber weiterhin Gastfreundschaft mit den emsländischen Wallfahrern pflegen.

In Rulle kommen viele Pilger außerdem im Haus Maria Frieden unter. Eine weitere Übernachtungsstation auf dem Hin- und Rückweg ist das Exerzitienhaus der Thuiner Franziskanerinnen in Schwagstorf. Mittlerweile seien sogar einige Schwagstorfer dem Wallfahrtsverein beigetreten, erzählt Sur. Anfangs gingen sie von Schwagstorf aus mit, inzwischen starten viele sogar von Meppen aus.

Das Durchschnittsalter der Wallfahrer betrage 40 bis 60, 70 Jahre, erzählt Sur, und bedauert, dass zu wenig junge Leute mitmachen.

Die Mitgliederversammlung des Wallfahrtsvereins findet am Mittwoch, 15. März, im Gemeindehaus St. Vitus in Meppen statt, zuvor Messe um 19 Uhr in der Propsteikirche. – Die Fahnenweihe erfolgt am Sonntag, 26. März, der Gottesdienst beginnt um 14.30 Uhr.

Andrea Kolhoff

 

 

Zur Sache

Seit über 300 Jahren pilgern Bürger aus Meppen nach Rulle zu Ehren des kostbaren Blutes Christi, später auch zur schmerzhaften Mutter Gottes. Das Ruller Mirakelbuch erwähnt den Fall eines Meppeners, dessen blinde Tochter wieder sehend wurde, nachdem er 1712 in Rulle gewesen war. Die Wallfahrt wurde zunächst von einem Küster angeführt, später von einem Geistlichen begleitet. Der Magistrat der Stadt Meppen ließ ab 1765 für einen Reichstaler in Rulle ein Jahresgebet sprechen. Heute besteht die Wallfahrt aus Pilgerzügen aus Meppen, Bawinkel und Haselünne und hat etwa 250 Teilnehmer. – Den Ruller Wallfahrtsverein gibt es seit 125 Jahren. Der Verein wurde 1936 von den Nationalsozialisten aufgelöst. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen 500 Wallfahrer teil.