13.10.2016

Ein ethisches Dilemma

Menschenleben aufwiegen?

Am Montagabend wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein Fernsehspiel gezeigt, in dem die Zuschauer entscheiden sollen: Dürfen Menschenleben gegeneinander aufgewogen werden?

istock/von Hebel
istock/von Hebel

Der Fall in dem verfilmten Theaterstück von Ferdinand von Schirach, „Terror – Ihr Urteil“, greift ein Dilemma auf: Ein Pilot der Luftwaffe wird angeklagt, da er sich entgegen dem Befehl seines Vorgesetzten dazu entschieden hat, ein Passagierflugzeug mit 164 Zivilisten abzuschießen. Terroristen hatten das Flugzeug, ähnlich wie am 11. September 2001 in New York, entführt, um es in ein Fußballstadion mit 70 000 Menschen stürzen zu lassen. Der Kampfpilot hat durch seine Entscheidung den Tod zahlreicher Menschen im Stadion verhindert. Die Passagiere im Flugzeug aber starben durch seine Hand. Ist er ein Held? Ein Mörder? Hatte er eine Wahl? Das Dilemma wird zur Tragödie: Wie immer man sich entscheidet, es führt zu einer Katastrophe.

Manchen fällt die Entscheidung nicht schwer: 164 Menschen zu töten, um 70 000 andere zu retten, erscheint ihnen richtig. Aber ist die einfache Rechnung – mehr oder weniger Menschen – eine moralisch ausgereifte Antwort?

Das Dilemma beschäftigte auch die Politik in Deutschland. 2005 sollte das Luftsicherheitsgesetz terroristischen Anschlägen wie auf die Twin Towers in New York vorbeugen. Es erlaubte den Einsatz von Waffengewalt als letztes Mittel. Gegen dieses „Abschussrecht“ reichten die FDP-Politiker Gerhard Baum und Burkhard Hirsch eine Verfassungsbeschwerde ein. Deutschlands oberste Richter gaben ihnen Recht. „Die Richter folgten unserer Argumentation, dass Menschenleben nicht gegen Menschenleben aufgewogen werden dürfe. Sie statuierten ein Verrechnungsverbot“, so Baum in einem Interview. Das Gesetz wurde als unvereinbar mit dem Grundrecht auf Leben und die Menschenwürde erachtet. Aber warum sollte man Menschenleben nicht gegeneinander aufwiegen? Auch die Menschen im Stadion haben ein Recht auf Leben.

Der Pilot lädt in jedem Fall eine Schuld auf sich

Nikolaus Knoepffler, Professor für angewandte Ethik in Jena, warnt davor, sich „in die Falle“ zu begeben, ein Leben gegen das andere aufzurechnen. Er hält die Entscheidung des Kampfpiloten im genannten Fall für „moralisch geboten“. Entscheidend sei die Absicht der Handlung: andere Menschenleben zu retten.

Dennoch lädt der Pilot in jedem Fall Schuld auf sich: durch das Töten der Passagiere oder durch unterlassene Hilfeleistung gegenüber den Besuchern im Stadion. Innerhalb weniger Minuten ist er gezwungen, Schreckliches zu tun, oder Schreckliches geschehen zu lassen. 

Ist es daher nicht besser, eine Handlung von den Folgen her zu denken – wie sterben weniger Menschen – als von vorausgehenden Prinzipien wie „Du sollst nicht töten“? Beide Möglichkeiten werden unter Philosophen, Theologen und der Bevölkerung vertreten: Wer von den Konsequenzen her denkt und sich für die geringere Zahl von Toten entscheidet, hält den Abschuss für richtig. Wer sein Handeln an Gesetzen und Prinzipien ausrichtet, stimmt dem Abschuss nicht zu, da er ungeachtet der Folgen in sich falsch ist. 

So bricht auch ein Lügner mit dem Wahrheitsgebot, wenn er Schergen eines Regimes anlügt, um unschuldige Verfolgte zu beschützen, die er versteckt hält. Das Beispiel zeigt: Oft müssen Rechtsgüter gegeneinander abgewogen werden. Auch in weniger dramatischen Situationen müssen sich Menschen immer wieder zwischen zwei Übeln entscheiden. Der paradiesische Zustand, frei von Schuld zu bleiben, ist unerreichbar. Für Unsichere wie für Entschlossene gleichermaßen gilt das Gewissen, die aufrichtige und informierte Suche nach dem Guten und Richtigen, als höchste moralische Instanz. Was dann die Gewissenskräfte des Einzelnen übersteigt, muss und kann er als gläubiger Mensch Gottes Barmherzigkeit überlassen.

Von Philipp Adolphs