26.10.2011

Was Kinder von Erwachsenen sagen

Kritikwürdige Vorbilder

Denen hat Jesus es so richtig gegeben, den Autoritäten und vermeintlichen Vorbildern. Dabei sind seine Worte auch ein Wink, sich an die eigene Nase zu fassen. Helfen können dabei Menschen mit einem oft unverblümten Blick: Kinder und Jugendliche.

„Mein Vater sagt mir immer, ich solle nie anfangen zu rauchen, raucht aber selber. Er will es aber auch nicht aufgeben. So ist er ein abschreckendes Vorbild.“ Kleines Beispiel, klare Worte, durchgefallen. Was ein Schüler des Stefan-George-Gymnasiums in Bingen am Rhein über seinen Vater sagt, ist kein Einzelfall. Wie bei den Autoritäten, die Jesus in seiner Rede anprangert. Beim Evangelium dieses Sonntags mag der eine oder andere an Politiker, Wissenschaftler, Pfarrer oder sonstige Autoritäten denken, die mit ihrer Wichtigtuerei mitunter nerven.
Dabei kritisiert Jesus nicht, was sie sagen oder fordern, sondern das, was sie nicht daraus machen. Er prangert ihr Verhalten an, nicht ihre Rede. Seine Jünger und Jüngerinnen sollten daher ein kritisches Auge darauf werfen. Jesu Vorwurf gilt nicht nur den historischen Pharisäern von damals und den sprichwörtlichen von heute. Denn die Frage, wo man selbst redet und anders handelt, ist für jeden unangenehm.

Kritisch beäugt werden moralische Autoritäten
„Eltern sagen einem, dass wir auf dem Fahrrad immer mit Helm fahren müssen, aber wenn meine Eltern Fahrrad fahren, fahren sie ohne Helm“, klagt ein Schüler. Und ein Mädchen beklagt sich: „Meine Mutter regt sich immer auf, wenn wir ihr ins Wort fallen, fällt uns aber selbst auch immer ins Wort.“ Stark beäugt werden pädagogische Autoritäten – Eltern, Lehrer und ältere Menschen. Manchmal sind es nur Details, die das Gesamtbild trüben: „Alte Leute sagen immer, die Jugend sollte grüßen. Jedoch wenn man sie bei uns im Ort grüßt, grüßen sie nicht zurück oder schauen weg.“
Wo das Verhalten nicht den Worten entspricht, ist nicht nur der Gesamteindruck getrübt. Oft entsteht dann eine „Ist-doch-egal“-Haltung, wie bei dem Sechstklässler, der zum Thema Fernsehen meint: „Meine Mutter sagt, dass ich nicht so viel Fernsehen gucken soll. Dabei guckt sie doch viel mehr als ich. Mir ist es eigentlich egal, weil ich dann auf dem anderen Fernseher weitergucke.“
„Schaut nicht weg, schaut lieber hin und das ganz genau“, sagt sinngemäß das Sonntags-evangelium. „Und entscheidet, ob ihr das als Vorbild nehmen wollt und sollt.“ Die Schüler tun das. „Ein Lehrer sagte einmal, dass er das Wort ‚scheiße‘ nicht hören will. Aber als er den Fernseher zum Laufen bringen wollte und es nicht ging, brüllte er ganz laut: ‚Was ist denn das für‘n Scheiß!‘“ Auch väterliche Autorität untergräbt sich schnell selbst: „Mein Vater sagt: ‚Räum die Spülmaschine aus‘ oder ‚Hilf deiner Mutter!‘ Und selbst macht er nichts, um zu helfen.“

Wie Autoritäten sich selbst demontieren
Tatsächlich nehmen sich Menschen mit höherem Status oft heraus, andere zu unterbrechen. Sie demonstrieren damit bewusst oder unbewusst ihre Position. Und demontieren sich dabei selbst: „Viele Menschen legen Wert darauf, aufzupassen, zuzuhören und niemanden zu unterbrechen. Für die Lehrer gilt das wohl aber nicht.“
Der kritische Blick, den Jesus fordert, schärft sich bei Heranwachsenden später, zumindest dann sagen sie auch, wenn richtige Rede kein folgerichtiges Handeln bewirkt. Dazu ein Zehntklässler kurz und knapp zur Glaubwürdigkeit seiner Eltern: „Im Sitzen pinkeln, nicht viel trinken, kein Sex vor der Ehe …“ Ein anderer: „Ein Lehrer, der ist absoluter Gegner des Mobbings, hat aber selbst zig Beschwerden wegen Beleidigung et cetera am Hals.“ „Viele Lehrer legen jedes Wort auf die Goldwaage, drücken sich aber selbst missverständlich aus.“ „Politiker, die sich für umweltfreundliche Autos einsetzen, aber dann Autos fahren, die mehr verbrauchen als drei normale Autos zusammen.“

Meine Mutter macht fast immer das, was sie sagt
Gerade jüngere Kinder ach-ten stärker auf allgemeine Regeln, mögliche Details einzelner Fälle haben sie weniger im Blick: „Die Polizisten halten Leute an, weil sie zu schnell fahren, fahren aber oft selbst zu schnell.“ Entwicklungspsychologisch wichtig ist es, dass Kinder zuvor ihre Eltern als Vorbilder erleben und es honorieren, wenn Tun und Reden übereinstimmen: „Mein Vater nimmt sich zum Beispiel vor, einen Zaun für die Schafe zu bauen. Und dann baut er jede freie Stunde am Zaun weiter, bis er fertig ist. Erst wenn er fertig ist, macht er ’was anderes.“
Oder: „Mein Vater ist ein Vorbild, weil er immer viel Zeit für mich hat. Wenn ich meiner Mutter sage, dass sie mir bitte hilft, tut sie das immer gerne.“ „Meine Mutter macht fast immer das, was sie sagt.“ – Bewundernswerte Eltern, beneidenswerte Kinder. Bei solch grundlegenden Erfahrungen fällt ein einzelnes gebrochenes Versprechen weniger ins Gewicht: „Meine Mutter sagt, es gibt Pfannkuchen, aber dann gibt es nur Auberginenpfanne.“

Sibylle Brandl