Historiker schreibt Geschichte des Kinderheims Don Bosco auf

Klare Worte auf 190 Seiten

„Tanz auf dem Seil“ heißt ein neues Buch, das die knapp 100-jährige Geschichte von Don Bosco Katholische Jugendhilfe in Osnabrück untersucht. Als Träger reagierte der Bischöfliche Stuhl damit auf die Heimkinderdebatte und die Missbrauchsvorwürfe vor einigen Jahren.

 

Heimleiter Christoph Flegel (links), Autor Bernhard Frings und Auftrag-
geber Generalvikar Theo Paul mit dem Buch über die Einrichtung.
Foto: Stefan Buchholz

Die 190-seitige Darstellung gestaltete der Historiker Bernhard Frings chronologisch. Er beschreibt so die Wandlung vom stationär angelegten Waisenhaus und Don-Bosco-Kinderheim zum heutigen Angebot der überwiegend ambulanten Betreuung. Dabei bezieht er die jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen, die pädagogischen Vorstellungen und die gesetzlichen Vorgaben des Staates in das Buch mit ein.

Als Quellen konnte Frings auf Aktenbestände des Hauses in der Moorlandstraße sowie auf kirchliche und staatliche Archive zurückgreifen. Ebenso nutzte er die Chronik der Thuiner Schwestern, die bis 2001 die Leitung der Einrichtung innehatten. Schließlich: Ergebnisse einer wenige Jahre zurückliegenden Fragebogenaktion, an der sich 14 Ehemalige beteiligt hatten, und Interviews mit vier früheren Kindern und Jugendlichen ließen Frings auch das Bild hausinterner Strukturen des Heimalltags zeichnen.

Die Zeitläufte hatten erheblichen Einfluss auf das Waisenhaus, das in seiner Historie bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Kriegsbedingt markierte das Jahr 1917 den Vorläufer des heutigen Hauses. Die schulpflichtigen Jungen und Mädchen kamen nun unter Vermittlung von Bischof Wilhelm Berning in der als Notlösung gedachten Stadthalle unter. Beim Provisorium blieb es bis 1944, als die Kinder wegen der Luftangriffe auf Osnabrück in das Mutterhaus der Thuiner Schwestern evakuiert wurden.

Bischof Berning organisierte nach dem Kriegsende 1945 erneut eine Unterkunft für die Kinder und Jugendlichen. Scheinbar erwies sich das Landgut der Familie Ostmann von der Leye vor den Toren Osnabrücks mit Park und Wäldern als idealer Wohnort und Abenteuerspielplatz. „Aber die Unterbringung litt unter den für ein Waisenhaus unzureichenden räumlichen, sanitären und hygienischen Bedingungen“, schildert Historiker Frings. 

Christlicher Glaube gegen Gehorsam und Ordnung

Er dokumentiert im Buch auch, wie sich Ordensschwestern und die „Fräuleins“ genannten weltlichen Kräfte bemühten, die jungen Insassen auf der Grundlage des christlichen Glaubens in der Kirche und der Gesellschaft zu beheimaten. Diesem Erziehungsideal konnten aber damals gesellschaftlich akzeptierte Tugenden wie Gehorsam, Ordnung und Arbeitsamkeit entgegentreten. Das führte bei manchen Erziehern dazu, dass sie Prügelstrafen verhängten. Oder: Defizit­orientierte Pädagogik führte dazu, dass Bettnässer demütigende Rituale zu vollziehen hatten. Der Historiker benennt auch einen aktenkundigen Fall sexuellen Missbrauchs. Eine Frau hatte sich 2010 gemeldet und von einem Übergriff des Hausgeistlichen berichtet, der auf Gut Leye bis zu seinem Tod 1956 tätig war. Dennoch bezeichnen viele der Mädchen und Jungen die Schwestern und weltlichen Mitarbeiter auch als lieb, wenn sie deren Art mit dem familiären Umfeld verglichen, aus dem sie stammten.

Zwar musste noch 1980 eine Pädagogin wegen ihrer autoritären Leitung einer Kinderheimgruppe entlassen werden. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte bereits ein gesellschaftlicher Wandel begonnen, pädagogische Leitbilder zu entwerfen, die sich am selbstbestimmten Leben der Kinder und Jugendlichen sowie der Stärkung der Erziehungskompetenz ausrichten. „Die Hausleitung will heute die hohe Fachlichkeit der 235 Mitarbeiter und auch die notwendige Grundhaltung von Annahme und Vertrauen beim Umgang mit den 288 jungen Menschen gewährleisten“, bescheinigt der Historiker das gegenwärtige Selbstverständnis der Einrichtung.

Hausleiter Christoph Flegel kündigte an, das Buch werde den Ehemaligen beim nächsten Treffen im Dezember zur Verfügung gestellt. Generalvikar Theo Paul gab an, das Bistum habe bislang 300 000 Euro in den Bundesfonds Heimerziehung eingezahlt.

Stefan Buchholz

Das Buch „Tanz auf dem Seil“ von Bernhard Frings (ISBN 978-3-925164-71-2) kostet 19,80 Euro