30.05.2012

Beratungszahlen steigen

Kinder brauchen ihre Eltern

Die Nachfrage nach Erziehungsberatung hat sich im Bistum Osnabrück auf hohem Niveau eingependelt, der Bedarf bei der Ehe- und Lebensberatung nimmt weiter zu. Seit 2002 hat sich die Zahl der Beratungsanfragen um fast 47 Prozent gesteigert. Hier machen sich gesellschaftliche Entwicklungen deutlich.

Warum kommen immer mehr Menschen in Beratungsstellen und bitten um Hilfe? Für Bernhard Plois, im Bistum Osnabrück Leiter der Ehe-, Familien- Lebens- und Erziehungsberatung, lässt sich ein gesellschaftlicher Trend als Ursache heranziehen. Wichtig für die psychische Entwicklung eines Kindes sei die Bindung an die Eltern in den ersten drei Lebensjahren. Wenn Eltern sich trennen, oder wenn sie wegen ungünstiger Arbeitsbedingungen kaum zu Hause sind, spüren das die Kinder, sagt Plois. Er nennt es „bindungs- und beziehungsfeindliches Wirtschaftserfordernis“. Die Gesellschaft sei geprägt vom kurzlebigen Engagement, Mobilität sei gefragt. „Diese Schnelllebigkeit tut Familien nicht gut“, so Plois.

Zugleich wachsen die Ansprüche an die Beziehungen. „Wenn das Kind oder der Partner als Ein und Alles gesehen werden, muss das unweigerlich zur Überforderung führen“, sagt Plois. Durch den ständigen Wechsel – von Partner zu Partner, von Job zu Job, von Arzt zu Arzt – spüre sich der Einzelne selbst nur noch unzureichend.

Partnerschaft läuft nach Markt- und Tauschgesetzen

Persönliche Beziehungen laufen heutzutage nach üblichen Markt- und Tauschgesetzen ab. „Eine Partnerschaft funktioniert oft nur so lange, wie sich nichts Besseres findet“, so Plois. Die Bereitschaft, Ehe und Familie als dauerhafte Herausforderung zu sehen, schwinde. „Es wird lieber schnell mit einem neuen Partner ein altes Verhaltensmuster neu aufgelegt, als mit dem alten Partner ein Muster neu auszuprobieren.“ Das erfordere nämlich Arbeit an der Beziehung – und genau dabei könnten die Beratungsstellen Hilfe leisten. Die jüdisch-christliche Tradition, eine Familie zu gründen und damit einen „Beitrag zur Vervollkommnung der Schöpfung“ zu leisten, sei heute „wenig ausgeprägtes Gedankengut“, so Plois.

Auf der einen Seite bieten die Beratungsstellen Hilfen für gelingende Partnerschaft an, auf der anderen Seite auch für Kinder, die durch ihr Verhalten auffallen. Der Leiter des Referats für Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung spricht in diesem Zusammenhang von „frühgestörten Klienten“. Plois meint Kinder, die in den ersten Lebensjahren die Unsicherheit der Beziehung ihrer Eltern erlebt haben, die sich nicht angenommen fühlten, die sich „nicht im Glanz der Augen des Vaters oder der Mutter spiegeln konnten“. Gesellschaftlich werde der Wert früher elterlicher Präsenz nicht mehr anerkannt, auf kognitive Entwicklung werde dagegen viel mehr Wert gelegt. „Aber vor der Bildung kommt eben die Bindung“, sagt Plois. Zurzeit werde viel Anstrengung darauf verwandt, dass Kinder schon früh Buchstaben lernten, dabei seien sie im Grundschulalter selbstverständlich dazu bereit. „Dann geht das ganz einfach.“ Dagegen sei es in den ersten Monaten leichter, ihnen eine gute Bindung zu ermöglichen. Plois plädiert deshalb dafür, Erziehungsarbeit als Pluspunkt im beruflichen Lebenslauf zu sehen, nicht als Hemmnis, wie es derzeit der Fall sei. „Ich halte es für skandalös, dass ein Betrieb damit werben muss, dass er familienfreundlich ist. Das müsste eine Selbstverständlichkeit sein.“

Matthias Petersen

Kontakt zu Beratungsstellen im Bistum Osnabrück:
Bassum: Lange Wand 16, Telefon 0 42 41/10 03, E-Mail
Bersenbrück: Hasestraße 5, Telefon 0 54 39/13 90, E-Mail
Georgsmarienhütte: Glückaufstraße 2, Telefon 0 54 01/50 21, E-Mail:
Lingen/Ems: Bernd-Rosemeyer-Straße 5, Telefon 05 91/40 21, E-Mail
Meppen: Versener Straße 30, Telefon 0 59 31/1 20 50, E-Mail
Nordhorn: Hauptstraße 10, Telefon 0 59 21/7 78 88, E-Mail
Osnabrück (Ehe-, Familien- und Lebensberatung): Lotter Straße 23, Telefon 05 41/4 20 44, E-Mail
Osnabrück (Erziehungs- und Familienberatung): Straßburger Platz 7, Telefon 05 41/4 20 61, E-Mail
Papenburg: Hauptkanal re. 30, Telefon 0 49 61/34 56, E-Mail
Sulingen: Nienburger Straße 25, Telefon 0 42 71/65 75, E-Mail:

Kontakt zur Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung im Internet: www.efle-beratung.de