06.10.2015

Esotherische und spirituelle Heilsversprechen überschwemmen den Markt

Gut ist, was guttut?

Der Markt an religiösen, esotherischen und spirituellen Angeboten boomt.  Wie sollen Heranwachsende sich orientieren? Schüler eines Religionskurses aus dem emsländischen Lingen haben einige Heilsversprechen und Weltanschauungen näher untersucht – und nicht schlecht gestaunt.

 

Eine Fülle von spirituellen und religiösen Angeboten haben jetzt emsländische Schüler untersucht, unter anderem Sekten, fundamentalistische Religionen und esotherische Heilsversprechen. Foto: imago

Fast jeder kennt sein Sternzeichen und liest ab und zu Horoskope. Franziska macht da keine Ausnahme. Für sie ist es Spaß. Doch als sie sich für ihre Seminararbeit intensiv mit dem Thema „Esoterik“ befasste, wurde ihr bewusst, wie viele Menschen ihr Leben nach den Sternen und Horoskopen ausrichten. „Ich war total erstaunt, dass Menschen an solche Dinge glauben“, sagt die Schülerin des 11. Jahrgangs des Franziskusgymnasiums Lingen. Bei der Recherche hat sie unter anderem erfahren, dass manche Menschen süchtig nach Horoskopen werden und sich sogar dafür verschulden.

Spirituelles Coaching für Sinnsucher, Engelstropfen aus der Quelle des Seins, Reiki im Beruf – dies ist nur eine kleine Auswahl aus dem unübersichtlichen Angebot spiritueller Lebenshilfen. Sie versprechen Glück, Erfolg, Gesundheit, Erleuchtung, Erlösung und viel mehr.

Was verbirgt sich dahinter? Sind diese Angebote mit den christlichen Werten vereinbar? Wie kann man unterscheiden, was heilsam ist und wo die Gefahr droht, in Abhängigkeit zu geraten? Wer Orientierung sucht, hat es ungeheuer schwer, all dies zu durchschauen. Auch junge Menschen sind für die Versprechungen und Verheißungen sektiererischer, esoterischer oder fundamentalistischer Gruppen anfällig. Anna Drummler, Religionslehrerin am Franziskusgymnasium hat deshalb in Zusammenarbeit mit dem Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bistum Osnabrück, Ludger Plogmann, das Projekt  „Spiritualität und Religiosität – Spurensuche nach dem Christlichen im Dschungel heutiger Heilswege und -angebote“ als Seminarfach angeboten.

Im Seminarfach haben die Schüler die Möglichkeit, sich fächerübergreifend mit einem Thema  intensiv zu befassen und eine Facharbeit darüber zu schreiben. „Hier soll selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten eingeübt  werden, das die Schüler auf das Studium vorbereitet. Was im Seminarfach erarbeitet wird, ist auch für ihr zukünftiges Berufsleben wichtig“, erläutert Anna Drummler.

Was verträgt sich mit der christlichen Sicht?

Da das Projekt zwei Jahre läuft, haben die Schülerinnen und Schüler die Chance, sich mit dem komplexen Thema unter verschiedenen Aspekten auseinanderzusetzen und es zu vertiefen. Für Ludger Plogmann ist es wichtig, das Interesse der Schüler zu wecken und es wachzuhalten. „Es ist notwendig, differenziert zu schauen, denn in den letzten Jahren hat sich vieles verändert. In den 70er und 80er Jahren war es ein Schock, dass fremde Religionen zu uns kamen“, sagt er. Inzwischen sei  eine große Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften entstanden, außerdem sei in den letzten 20 Jahren die Esoterik massiv aufgetreten. Vieles sei in der Schwebe und nicht nur jungen Menschen falle es schwer, sich in den Bereichen zu orientieren. „Deshalb ist es wichtig, genau hinzuschauen und zu fragen: ,Was verträgt sich nicht mit der christlichen Sicht von Religiosität‘“, betont Plogmann.

Für die 18 Schülerinnen und Schüler ist vieles neu. Anna, die ihre Arbeit über den Fundamentalismus im Islam geschrieben hat, war schockiert, als sie mehr über die Hintergründe des Anschlags auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ erfuhr und sich mit dem Menschenbild radikaler Islamisten befasste. „Die Ansichten sind krass. Islam kennt man nicht so, und das war schon seltsam, wie die denken“, sagt sie. Genauso fremd ist den Schülern der christliche Fundamentalismus. „Ich  wusste nicht, dass er so verbreitet ist und war erschrocken, dass die Menschen sich, ohne nachzudenken, den strengen Regeln unterwerfen und ihre Kinder da hineinziehen“, berichtet Kim-Chiara.

Sophie hat sich mit Scientology befasst und eine Weile gebraucht, bis sie verstanden hat, wie deren Weltbild funktioniert. „Im Laufe der Recherche ist mir bewusst geworden, wie groß der Unterschied zum Christentum ist. Die haben ein komplett anderes Menschenbild“, staunt sie.

Solche Aha-Effekte gehören zu den Zielen des Seminarfachs. „Ich hoffe, dass die Beschäftigung mit diesem Thema den Schülern klarer gemacht hat, wo der Geist im christlichen Sinne am Werk ist“, sagt Anna Drummler. Ludger Plogmann sieht es ähnlich. Er hofft, dass die Schüler eine höhere Sensibilität bekommen, was Religion und Spiritualität angeht und wünscht, dass auch andere Schulen dieses Projekt aufgreifen.

Elisabeth Tondera