07.12.2011

Kommentar

God save Ireland

Von Roland Juchem

Irlands Regierung unter Premier Enda Kenny will ihre Botschaft beim Heiligen Stuhl schließen. Auch wenn Dublin gleichzeitig seine Vertretungen in Osttimor und Iran schließt – diplomatische Beziehungen zu den drei Staaten bleiben bestehen –: Dass „das katholischste Land der Welt“, wie Paul VI. Irland einst nannte, seinen offiziellen Vertreter beim Papst abzieht, ist eine traurige Sensation.

Wandermönche aus dem Land des heiligen Patrick brachten einem Großteil des europäischen Festlands das Christentum. Irische Auswanderer bildeten den Grundstock des Katholizismus in USA, irische Priester und Ordensleute sind bis heute in vielen Ländern Afrikas und Asiens als Missionare tätig. Gut 75 Prozent der Iren sind heute katholisch.

Aber jetzt sagt rund die Hälfte, sie hätten ein negatives bis katas-trophales Bild der katholischen Kirche. Erst das Entsetzen über die Misshandlungen von Jungen und Mädchen in katholischen Schulen und Heimen. Dann die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Weltpriester und Ordensleute, die zudem von kirchlichen Vorgesetzten vertuscht und noch bis vor zwei Jahren ungenügend aufgeklärt wurden; erst jetzt gebe es Verbesserungen, melden jüngste Erhebungen aus sechs Bistümern.

Ein ausführlicher Bericht aus dem Bistum Cloyne im Sommer war Anlass für den Wutausbruch von Premier Kenny. Der warf auch dem Vatikan Vertuschung vor – dazu Missmanagement, Elitedenken und Narzissmus. Anlass war ein zumindest missverständliches Schreiben der Kleruskongregation von 1997 an den damaligen Nuntius in Dublin. Irlands katholische Kirche erlebt derzeit nicht nur ein Erdbeben, sondern tektonische Verschiebungen. Zu den Schwierigkeiten westlicher Menschen im 21. Jahrhundert mit der katholischen Lehre kommen Erschütterungen des bisherigen Autoritätsdenkens: Die heiligen Männer von einst haben missbraucht und vertuscht.

Vier Prozent der Priester sind bisher wegen Missbrauchs überführt, in Umfragen aber meinen vier von zehn Befragten, es seien 20 Prozent und mehr. Seit über einem Jahr zieht sich eine Apos-tolische Visitation hin. Dublins Erzbischof Diarmud Martin warnte, klärende Ergebnisse könnten zu spät kommen.
Dabei freut kaum einen das schlechte Ansehen der Kirche. Viele fragen: Wer sonst pocht noch auf Liebe, Solidarität und Rücksichtnahme in einem Land, das unter Arbeitslosigkeit und harter Sparpolitik leidet? Nicht nur Charles Brown, der neue Papstbotschafter in Dublin, wird noch lange brauchen, sich im religiösen Erdbebengebiet Irland zurechtzufinden.