17.02.2017

Der Familientisch – als Ort täglicher Mahlzeiten gefährdet

Gemeinsam schmeckt es besser

Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Um den Familientisch tauschen sich Eltern und Kinder aus, lernen voneinander und genießen. Doch der einst selbstverständliche Ort täglicher Mahlzeiten ist gefährdet. Dagegen kann man etwas tun.

 

Rituale wie regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten sind ganz entscheidend für eine gute Kindesentwicklung. Foto: imago

Das Messer bei Tisch ablecken? Was Elisabeth Nering* neuerdings bei ihrer Tochter Annalena* entdeckt, ist für sie absolutes Tabu. Doch wenn sie mit der Fünfjährigen schimpft, sagt diese trotzig: „Meine Erzieherin erlaubt mir das aber.“ Wie viele Kinder in Deutschland isst auch Annalena mittags im Kindergarten. Auch ihre Eltern und Geschwister versorgen sich werktags in der Kantine oder der Schulmensa. Bei unterschiedlichen Frühstückszeiten bleibt Familie Nehring nur noch das Abendbrot als gemeinsames Familienessen.

Die Mahlzeit sollten Eltern dann unbedingt im Kreis der Familie kultivieren. Das betont Doris Große-Börding vom „Haus der Familie“ in Münster. Denn solche Rituale seien ganz entscheidend für die Kindesentwicklung, haben auch amerikanische Wissenschaftler in einer Studie herausgefunden. Demnach sollen gemeinsame Familienessen vor Mobbing, Depressionen und anderen psychischen Störungen bei Kindern schützen. Derzeit isst aber nur knapp jeder dritte deutsche Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren einmal am Tag mit der Familie. „Väter und Mütter sollten die Kinder daher früh und regelmäßig in die Planung und Zubereitung der Mahlzeiten einbeziehen. Dann erleben sie Kochen und Essen nicht als Übel, sondern als gemeinsame Freizeitgestaltung, die allen Spaß macht“, sagt die Gesundheitsberaterin. Und sie empfiehlt: „Auf den Tisch kommt, was alle mögen.“ Zum Beispiel Pizza oder Leckereien aus dem Wok. Schritt für Schritt könnten neue Gerichte und Geschmacksrichtungen ausprobiert werden.

Viele Eltern trauen sich nicht mehr, gesund zu kochen

In ihren Kursen hat die Öcotrophologin festgestellt, dass viele Eltern verunsichert sind, eine gesunde Mahlzeit zuzubereiten. Sie glaubten oft, das Markenprodukt sei gesünder und sicherer. Das werde von der Werbung vermittelt. Hier rät sie zu Gelassenheit, denn auch Eltern müssten mit ihren Kräften haushalten. Und die Erfahrung zeige: „Selber zubereiten, ist in der Regel preiswerter und gesünder.“ Darüber hinaus müsse es am Familientisch Regeln geben, sagt Große-Börding. „Alle essen zur selben Zeit und sind pünktlich. Die Mahlzeit ist wichtiger als ein Alternativprogramm.“

Dass Familien, die gemeinsam essen, auch gesünder leben, belegen auch Forschungsergebnisse, wie die von Professorin Barbara Fiese von der Universität von Illinois: Wer mit der Familie isst, nimmt mehr frische Früchte, Gemüse sowie faser- und calciumreiche Nahrungsmittel zu sich, hat sie herausgefunden. Laut einer Studie der Harvard’s Graduate School of Education können Kinder beim gemeinsamen Essen mit der Familie darüber hinaus ihren Wortschatz effektiver verbessern, als wenn die Eltern ihnen vorlesen. Die Teilnahme an Tischgesprächen biete Kindern die Möglichkeit zu lernen, ihr Allgemeinwissen zu erweitern und zu erfahren, wie man kulturell angemessen kommuniziert.

Niedriger Blutzuckerspiegel: Stress ist vorprogrammiert

Auch Doris Größe-Börding betont: „Der Küchentisch ist ein wichtiger Lern- und Begegnungsort. Hier wird über den Tag gesprochen, werden Probleme erzählt, Lösungen gefunden oder der Familienurlaub geplant.“ Kinder sollten zu Wort kommen, aber auch erleben, dass Erwachsene Schwierigkeiten haben und am Tisch über Lösungen sprechen, sagt die Gesundheitsberaterin.
Der Küchentisch als wichtiger Lern- und Begegnungsort

Und wie geht man mit He­rummeckern um? „Kinder haben das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Wenn sie aus der Kita oder der Schule kommen, sind sie aufgedreht. Da bekommt das Essen manchmal den Frust ab.“ Nach einem Zeitpuffer werde ihnen die Mahlzeit in der Regel schmecken. „Ich empfehle Eltern auch, auf dem Weg von der Arbeit einen Apfel oder eine Scheibe Brot zu essen“, sagt die Ernährungsexpertin. „Denn wenn Erwachsene und Kinder mit niedrigem Blutzuckerspiegel zu Hause aufeinandertreffen, ist Stress vorprogrammiert.“

Das nimmt sich auch Elisabeth Nering für die Zukunft vor – wenn sie sich mal wieder über neu erworbene  Tischmanieren ihrer Kinder ärgern muss.

Karin Weglage/Astrid Fleute

* Namen geändert