01.03.2017

Fasten mit allen Sinnen

Geizig, gütig, gierig

Der Mensch sieht, riecht, schmeckt, hört, tastet und kennt sogar einen „sechsten Sinn“. Ist es sinnvoll, die Sinne in der Fastenzeit einmal etwas zu zügeln? Im ersten Teil unserer Serie „Fasten mit allen Sinnen“ geht es um das Sehen.

Mit den Augen fasten - eine recht leichte Übung für Brillenträger. Doch was bringt's?
Foto: istockphoto

Mit den Augen zu fasten, ist die einfachste Sache der Welt für einen wie mich, der von Kindheit an eine ziemlich starke Brille tragen muss. Von der Nase nehmen, zur Seite legen – fertig. Ich erkenne meine Umgebung nur mehr sehr verschwommen. Nur: Was bringt der Verzicht auf die klare Sicht? Blaue Flecken, verschüttete Getränke. Gut, ich könnte meditieren über den Segen meiner Brille. Denn hätte ich in uralten Zeiten gelebt oder in derart bitterer Armut, dass Augengläser unerschwinglich gewesen wären – Katastrophe. Ich könnte mir alles vors innere Auge rufen, was ich dank Brille vermag. Vom Fußballspielen bis zum Autofahren. Allerdings mache ich das bereits regelmäßig nach der alljährlich fälligen Netzhautuntersuchung. Die Augentropfen sorgen für eine Pupillenerweiterung, die erst nach Stunden abklingt. In der Zwischenzeit sitze oder liege ich geschlossenen Auges in einem abgedunkelten Raum und meditiere über den Segen ... siehe oben.

Mit den Augen zu fasten, ist aber natürlich sowieso kinderleicht. Alle kennen den gängigen Katalog der naheliegenden Fastenvorsätze: auf Fernsehen und Kino verzichten, aufs Daddeln via Spielkonsole und Computer, auf Zeitungen und Zeitschriften. Was bringt’s? Direkt erstmal wenig. Schließlich wäre es dämlich, den „Tatort“ nicht einzuschalten und 90 Minuten lang die Tapete anzustarren. Nein, man müsste wohl schon die Zeit alternativ nutzen. Waldspaziergang statt „Sportschau“-Schauen. Oder so.
Irgendwie ist das unoriginell. Ich hätte zwei Vorschläge. Der eine ist ausprobiert und hat sich bewährt. Der andere ist, vorerst, nur eine Idee.

Für den ersten braucht man lediglich ein halbes Dutzend Zettel mit Zitaten über Augenlust und -frust, aus der Bibel vornehmlich. Eine Viertelstunde lang zur festen Zeit täglich (oder einmal die Woche) greift man einen Zettel heraus und kaut den oder die Sätze durch, macht sich vielleicht auch ein paar Notizen, um seine Gedanken festzuhalten. Ein kurzer Satz aus Jesus Sirach zum Beispiel: „Ein geiziges Auge trocknet die Seele aus.“ Gibt es das überhaupt: ein geiziges Auge? Doch, ja, irgendwie schon. Das Auge nimmt Verschwendung wahr, Luxus, Überfluss; das Hirn signalisiert Unverständnis, Ablehnung, Verdruss. Aber davon soll die Seele austrocknen?

Buch der Sprichwörter: „Strahlende Augen erfreuen das Herz.“ Und: „Wer ein gütiges Auge hat, wird gesegnet.“ Ja, da ist was dran, da muss man nicht lange drüber nachdenken. Wobei: Wie oft strahlen eigentlich meine Augen? Wann zuletzt? Blicke ich mit Güte auf die Welt und die Menschen? Sieht man’s mir an? „Der Gebildete hat Augen im Kopf, der Ungebildete tappt im Dunkeln“, heißt es bei Kohelet. Wieder ein Satz zum Sofortunterschreiben. Gebildet ist unsereiner schließlich. Oder etwa nicht (ganz)? Vielleicht gibt es doch die eine oder andere Lücke. Vielleicht hat man doch noch nicht komplett ausgelernt fürs Leben. Tappt da und dort sogar sehr im Dunkeln. Lässt es sich ändern?

 

 

„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ Matthäusevangelium 7,3. Gut, das ist nun so ein Satz, den ich mir nicht nur zu Augenfastenzeiten zumuten lassen kann. Anderes Beispiel, Buch Ijob: „Einen Bund schloss ich mit meinen Augen, nie eine Jungfrau lüstern anzusehen.“ Das reizt den Mann, nicht wahr? Jetzt mal ehrlich mit mir: Wie ist das mit den lüsternen Blicken? Sollte, müsste auch ich einen Bund mit meinen Augen schließen?

Die größten Schwierigkeiten hat mir ein Satz bereitet, der nicht aus der Bibel stammt, sondern aus Josef Piepers Buch über die Tugenden; darin geht es ganz zum Schluss um die „Begierlichkeit der Augen“. Ihr komme es nur auf eins an: aufs Sehen. Der Sinn des Sehens jedoch sei die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Und dann kommt der Satz: „Das macht das Dasein des Menschen aus: die Wirklichkeit Gottes und der Schöpfung gewahren.“ Dafür also habe ich meine Augen? Das ist doch viel zu anspruchsvoll. Das überfordert meine Sehfähigkeit. Oder habe ich da einen zu engen Blickwinkel?

So, nun noch die Idee. Ich komme drauf durch die Fasten- oder Hungertücher, auch „Schmachtlappen“ genannt. Mit Fastentüchern verhängte man – und verhängt hier und dort bis heute – von Aschermittwoch bis Karsamstag in den Kirchen die prächtigen Altäre mit ihren Figuren und Bildern oder gar den ganzen Altarraum. In der Fastenzeit sollten die Augen verzichten auf den Anblick der opulenten Darstellungen.
Klar, ich kann mich in der Fastenzeit im Computer- oder Fernsehfasten üben. Aber wie wäre es denn, die Bildschirme – für sagen wir mal vorläufig einen Tag – tatsächlich zu verhüllen? Eine Aktion à la Christo im eigenen Heim: alle Bildschirme mit einem Tuch oder sonstwas Geeignetem abdecken. Der Verzicht, der einem ansonsten ja nur im Kopf bewusst ist, wird konkret sichtbar. Ein Signal, das jedem ins Auge springt.

Ich könnte auch einen Tag lang alle Uhren verhüllen, die Anzeigen auf Herd, Mikrowelle, Abzugshaube, CD-Player abkleben. Den Diktator Zeit augenfällig in die Schranken weisen. Was käme sonst zum Verhüllen infrage? Die Spiegel vielleicht. Die Hausbar, sofern vorhanden, sowieso. Ich inspiziere noch die Wohnung.

Von Hubertus Büker