16.02.2017

Tanzabend zum Thema Tod und Sterben

Die Gräber öffnen sich

Unheimlich und faszinierend zugleich: Einen Tanzabend der besonderen Art zeigt das Theater Osnabrück. Als „Danse macabre“ werden vier ganz unterschiedliche Choreografien getanzt, die sich alle mit dem Thema Tod und Sterben auseinandersetzen.

 

„Totentanz": Unter dem Bann des Dämons erlöscht die Kraft der Geschöpfe. Foto: Jörg Landsberg/Theater Osnabrück

Fantastisch, wie schnell das geht! Der Tänzer steht im Licht, freier Oberkörper, schwarze Hose, die Hände flattern wie Kolibriflügel, die Schultern zucken, der Kopf wirkt gerade, auch wenn der ganze Körper in Bewegung ist. Alles in einer Geschwindigkeit, als habe jemand am Zeitrafferknopf gedreht.

Die Choreografie zu „Supernova“ gibt ein hohes Tempo vor. Dazu läuft Jazzmusik, mal schmeichelnd und cool, dann wieder schräg. Tänzer drehen Pirouetten wie Eiskunstläufer, allesamt scheinen sie Schlangenmenschen zu sein. Später sehen wir zwei hintereinanderstehen, ihre Arme wirbeln durch die Luft, als gehörten sie zu einem einzigen Wesen. Und dann liegt ein Tänzer  auf der Bühne, die Schultern heben sich und knallen auf den Boden, letzte Zuckungen durchlaufen seinen Körper, wie bei einem Fisch auf dem Trockenen. Im Hintergrund sind sechs andere Tänzer und Tänzerinnen zu sehen, herausgetreten aus dem Dunkel. Der Stern im Vordergrund erlischt.

Schlangenmenschen tanzen zu  schnellen Bewegungen

„Supernova“ heißt das Stück, zu dem Marco Goecke 2009 die Choreografie der schnellen Bewegungen entworfen hat und das im Theater Osnabrück als zweiter Teil des Tanzabends „Danse macabre“ gezeigt wird. Eine Supernova ist das helle Aufleuchten eines Sterns, der am Ende seiner Lebenszeit explodiert und sich dabei selbst vernichtet. Aber aus jedem Chaos entsteht Neues, so auch hier. Andere Tänzer treten aus dem Dunkel und setzen die Choreografie fort.

Dieser Wechsel zwischen Licht und Dunkel, plötzlichem Erscheinen und schnellem Abgang kennzeichnet das Stück, das mit wenigen Requisiten auskommt. Am Anfang werfen die Tänzer Salz in die Luft, das im Licht kurz glitzert wie ein Sternenhimmel, ein anderes Mal halten sie ein kleines Licht in den Händen. Die mystische und faszinierende Stimmung wird durch die Musik verstärkt.

Die Tänzer und Tänzerinnen der Osnabrücker Dance Company setzen die anspruchsvolle Choreografie von „Supernova“ virtuos um und zeigen damit auch, wie flexibel sie sind. Denn zuvor hatten sie die Aufgabe, den Ausdruckstanz der Mary Wigman wiederzubeleben. Gezeigt wurden „Totentanz I“, den Wigman 1917 choreografierte und der 1921 in Dresden erneut gezeigt wurde, sowie Wigmans „Totentanz II“, der im Februar 1926 in Königsberg aufgeführt wurde.

Totentanz I ist eine Choreografie für vier Personen und ganz dem frühen Ausdruckstanz verhaftet. Die Tänzer tragen capeähnliche kniekurze Gewänder in Rot, Gelb, Grün und Blau, dazu Kopfbedeckungen, die an Zauberhüte erinnern. Sie springen und jagen über die Bühne, trippeln kurz umher, bilden einen kleinen Reigen, lösen sich auf. Weit ausladende Armbewegungen und breite Schritte erinnern an expressionistische Filmfiguren des deutschen Stumfilms, an den Golem, der in die Welt kam, und an den Schatten des Nosferatu. Choreografin Henrietta Horn und die anderen Mitglieder des Rekonstruktionsteams konnten auf Notizen aus dem Team von Mary Wigman zurückgreifen. Die Musik von Camille Saint-Saens soll in Osnabrück dazu live auf dem Klavier gespielt werden, bei der Premiere kam sie allerdings wegen eines Krankheitsfalls vom Band. Totentanz I wirkt trotz der bunten Kostüme ziemlich düster.

Düster ist auch die Grundstimmung in Wigmans Totentanz II. Zu Beginn der Aufführung liegen die Tänzer auf dem Boden, Nebel und fahles Licht lassen die Bühne wie ein Schlachtfeld erscheinen. „Die Gräber öffnen sich und geben ihre Toten frei“, schrieb Mary Wigman damals selbst zur Grundidee für ihre Choreografie. Ein Dämon jagt eine menschliche Gestalt, die anderen Figuren sind Lemuren, entseelte Geschöpfe. Die gruselige Stimmung wird dadurch verstärkt, dass die Tänzer mit Masken auftreten wie im japanischen No-Theater. Auch die Begleitmusik zu Totentanz II ist aus Asien inspiriert. Frank Lorenz am Schlagzeug erzeugt  unheimliche Töne und manches Mal einen lauten Knall, es gibt Trommelwirbel und hellen Glöckchenklang, den Knall vom Donnerblech und Gongs asiatischer Instrumente, manchmal klappert es, als schüttelten die Toten ihre Gebeine. Am Ende legt sich mit jedem Paukenschlag jeweils ein Tänzer hin – auch das Menschenkind. Der Dämon hat gesiegt.

Es klappert, als schüttelten die Toten ihre Gebeine

Den Schlusspunkt des Tanzabends setzt Mauro de Candia mit seiner Choreografie zu Igor Strawinskys „Sacre“ (deutsch: Opfer). Getanzt wird zu der Klavierfassung. Mauro de Candia zeigt eine Welt, in der die Tänzer in ritualisierter Gleichförmigkeit agieren, oft mechanisch, mit synchronen Bewegungen, nur bisweilen scheint jemand auszubrechen. Zu Beginn sind acht Tänzer zu sehen: Am Boden liegend vollführen sie synchrone Bewegungen. Die Tänzer tragen weiße Ganzkörperanzüge. Ein Tänzer im Vordergrund liegt im Scheinwerferkegel wie in einem goldenen Käfig. Um mitzu­machen und Erfolg zu haben, muss er sich anpassen. Mauro de Candia will zeigen, wie sehr die Menschen heutzutage dem angesagten Tempo der Gesellschaft folgen müssen, das vorgegeben scheint, und dass dies mit Opfern verbunden ist.

Die Choreografie präsentiert immer wieder Bilder, in denen zwei, drei Tänzer dasselbe tun und dann wie tot in ihrer Bewegung erstarren, andere versuchen dagegen, aus der Gleichförmigkeit auszubrechen. Doch am Ende herrscht wieder die Monotonie des Anfangs. Eine Lichterleiste blitzt im Hintergrund der Bühne auf wie der Widerschein von Opferlichtern und deutet an, dass die Menschen hier zu Opfern werden – das ist de Candias Beispiel für einen „Danse macabre“.

Andrea Kolhoff

 

Theaterabend und Museumsbesuch für Leser

Die Leser des Kirchenboten sind eingeladen, am Samstag, 25. März, gemeinsam als Gruppe eine Aufführung des Tanzabends „Danse macabre“ im Theater Osnabrück zu besuchen. Verbunden ist der Abend mit einem Besuch der Totentanzausstellung im benachbarten Diözesanmuseum.
Das Programm beginnt um 16.30 Uhr im Diözesanmuseum mit einer Führung durch die Ausstellung „Im Angesicht des Todes“. Sie zeigt, wie die Menschen des Mittelalters sich auf den Tod vorbereitet haben. Im Anschluss gibt es einen Imbiss.

Vor dem Besuch des Tanzabends „Danse macabre“ (Beginn: 19.30 Uhr) im Stadttheater, wird Dramaturgin Patricia Stöckemann der Gruppe die drei Stücke erläutern. Nach der Vorstellung besteht darüber hinaus die Gelegenheit zum Gespräch mit einigen Mitgliedern der Dance Company im Theaterfoyer.

Karten für diese Veranstaltung sind erhältlich beim Kirchenboten, Michael Lagemann, Telefon 05 41/31 86 17, E-Mail: m.lagemann@kirchenbote.de, Kosten: 42,50 Euro für das gesamte Arrangement.