02.03.2016

Sorge trotz Missgunst und Neid

Die barmherzige Tochter

Wie geht eine Tochter mit einer demenzkranken Mutter um, die sie als uneheliches Kind zeitlebens für ihr eigenes Unglück verantwortlich gemacht hat? Sie versucht es mit Liebe und Barmherzigkeit.

Liebevoll mit der alten Mutter umzugehen - das ist doch ganz normal. Aber es kann auch ganz schön schwerfallen. Foto: fotolia

Als Nächstes wird sie ihr den Geburtstag  organisieren, den  zweiundneunzigsten. Im Gemeinschaftsraum des Altenheims ist das kein großes Problem. Man bringt Kuchen mit, Geschirr ist vorhanden, auch eine Kaffeemaschine. So viele Gäste sind es ja auch nicht, in erster Linie die Geschwister, die noch leben. Elf waren sie insgesamt.

Mal sehen – vielleicht erkennt ihre Mutter ja sogar ein paar Gesichter wieder. „Sie soll sich noch einmal freuen“, sagt Inge Kock, die ihren richtigen Namen und ihr Foto nicht in der Zeitung sehen möchte. Ob es klappt? Sie zuckt mit den Schultern. „Das weiß man vorher nie.“

Für die Mutter da sein, sich kümmern, sie regelmäßig besuchen, sich um Wäsche, Friseur und all die Kleinigkeiten kümmern, die das Altenheim überfordern würden – für die einzige Tochter und ihren Mann keine Frage. Trotz allem.

„Nein, ich hatte keine glückliche Kindheit“, sagt die 68-Jährige, ohne einen Moment zu überlegen. Trotz allem. Inge Kock wird ernst, wenn sie davon erzählt. Von dem Gefühl, das ihre Mutter ihr zeitlebens vermittelt hat: Du bist schuld an allem, als mein uneheliches Kind, das ich eigentlich nie haben wollte.

Ihre Mutter ist 24, als ihr „das“ passiert, kurz nach dem Krieg. Gerade hat sie eine Hauswirtschaftslehre hinter sich. „Ungewollt schwanger – das war damals das Schlimmste, was einem passieren konnte“, sagt die Tochter. Das Gerede, die Häme, die Gerüchte um den unbekannten Vater. Die junge Mutter frisst es in sich hinein, wird noch verschlossener.

 

„Sie hat es wirklich nicht leicht gehabt“

Inge Kock nickt. „Sie hat es wirklich nicht leicht gehabt“, sagt sie. Aufgewachsen in den Zwanziger- und Dreißigerjahren auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Vechta im Oldenburger Münsterland, als zweitältestes Kind. Und schon früh in der Verantwortung. Weil immer wieder jüngere  Geschwister nachkommen, um die sie sich kümmern muss.

Die  Hauswirtschaftslehre  soll  ihr eine bessere Zukunft bringen – und dann wird sie schwanger. „Von da an hieß es arbeiten“, sagt die Tochter, „Geld verdienen, damit es reicht.“ Anfangs von dem kleinen elterlichen Hof aus, wo sie in den ersten Jahren mit ihrer Tochter bleiben kann.

Lange Zeit weiß Inge Kock überhaupt nicht, wer ihre Mutter ist, wird groß mit Geschwistern, die eigentlich ihre Onkel und Tanten sind. Die Frau, die sie „Mama“ nennt, ist in Wirklichkeit ihre Großmutter. Keiner klärt sie auf.

Dass etwas nicht stimmt, wird ihr erst bewusst, als ihre Mutter mit ihr den Hof verlässt, um dem Hoferben und seiner Familie Platz zu machen. Die beiden ziehen in eine Anderthalb-Zimmer-Wohnung ins Dorf. Die Mutter arbeitet im Haushalt fremder Leute, in Gaststätten, später in der Krankenhausküche.

„Ich habe gemerkt, dass sie es schwerhatte“, sagt Inge Kock. Und vermisst Nähe und Herzlichkeit. Manchmal bekommt sie Gespräche mit, die sie wie ein Stich ins Herz treffen. Wenn ihre Mutter gefragt wird, warum sie denn nicht mehr aus ihrem Leben gemacht habe, und antwortet:  „Das ging nicht – ich hatte ja das Kind.“

Ins Gesicht gesagt hat sie ihr so etwas aber nicht, zumindest nicht in den frühen Jahren. „Erst, als die Demenz ausbrach. Da hat sie ihre Unzufriedenheit richtig rausgelassen.“ Inge Kock zuckt mit den Schultern: „Und trotzdem haben mein Mann und ich weiterhin alles für sie gemacht. Weil wir uns denken: Sie kann ja auch nichts dafür.“ Auch wenn manches immer noch schmerzt. Etwa die Frage, wie eine Mutter denn neidisch auf ihre Tochter sein kann. Ein Gefühl, das Inge Kock – selbst Mutter von zwei Kindern – nicht versteht.

 

„Sie litt darunter, dass es uns gutgeht“

Sicher, der Handwerksbetrieb, den sie  nach Lehre und Meisterprüfung aufbaut, läuft gut. Aber müsste ihre Mutter  sich nicht darüber freuen? Stattdessen spürt die Tochter eher Missgunst und Neid. Weil die Mutter auch nach ihrer Heirat auf Unterstützung der Tochter angewiesen bleibt. 

„Sie litt wohl darunter, dass es uns gutgeht. Hatte ständig das Gefühl, nicht das Leben gelebt zu haben, was sie leben wollte.“ Und immer seien die anderen die Schuldigen, auch die eigene Tochter. „Manchmal war sie furchtbar böse zu mir. Besonders in den letzten Jahren.“

Hin und wieder spielte Inge Kock dann mit den Gedanken, einen Schnitt zu machen, den Kontakt abzubrechen. „Aber dann sagte das Gewissen: Das darfst du nicht! Sie ist immer noch deine Mutter.“

Deshalb helfen sie und ihr Mann bei der Wäsche. Sie ordnet ihrer Mutter den Haushalt, putzt mal durch, kocht für sie und ihren Mann mit. Und muss sich trotz allem oft genug Undankbarkeit gefallen lassen. Erleichtert ist sie erst, als beide, Mutter und Stiefvater, einen Platz im Altenheim finden, zuerst im Pflegeheim, dann in der Demenzabteilung.

 

„Wichtig ist, dass sie einen schönen Tag hat“

Wo sie die zwei gut versorgt weiß. Wo sie sich dennoch bis heute um sie kümmert, seit dem Tod ihres Stiefvaters nur noch um ihre Mutter. Sie geht vorsichtig mit ihr um, verständnisvoll, liebevoll.

Als die Mutter nach ihrem im letzten Frühjahr verstorbenen Mann  fragt  –  „Kommt Heinrich heute nicht?“ –, antwortet sie: „Heinrich ist doch im Himmel. Und irgendwann sehen wir uns da alle wieder.“ „Ja, das ist gut“, antwortet die Mutter – und hat seither nicht mehr gefragt.

Mindestens einmal die Woche sind Inge Kock und ihr Mann im Altenheim. Sie tun, was sie können. Der anstehende Geburtstag sei vielleicht der letzte ihrer Mutter. Wer weiß? „Wichtig ist, dass sie noch einmal einen schönen Tag hat“, sagt Inge Kock. „Das spürt man, dass sie es genießt. Und das ist uns wichtig.“

Sie selbst hat ihren Frieden mit sich und der Situation gemacht, ihr Mann auch. „Es ist jetzt so, wie es ist, und wir nehmen das so an“, sagen die beiden. „Sonst würden wir ja verzweifeln.“

Von Michael Rottmann