05.10.2016

Bremer Projekt wirbt für verständnisvolles Zusammenleben

Demenz geht alle etwas an

Mit Demenzkranken ganz normal im Alltag leben – darum geht es in dem neuen Bremer Projekt „Demenz aktiv – Neustädter miteinander füreinander“. Nicht nur die Angehörigen der Betroffenen sollen das Krankheitsbild erkennen und damit umgehen lernen.  

Sie wollen in ihrem Stadtteil über Demenz reden: die Akteure des neuen Projektes „Demenz aktiv“. Dritte von links ist Caritas-Mitarbeiterin Gabriele Kleine-Kuhlmann. Foto: Caritas Bremen

Über ,,die Reise ins Vergessen“ spricht niemand gern. Demenz ist oft Privatsache. Doch die Prognose besagt, dass sich die Krankheitsfälle allein in Deutschland schon in wenigen Jahrzehnten verdoppeln werden – und damit zu dem werden, was sie im Kern längst sind: eine öffentliche Angelegenheit. Gabriele Kleine-Kuhlmann setzt sich dafür ein, dass Menschen, die an Demenz erkranken, nicht aus dem Alltagsleben verschwinden, sondern so lange wie möglich weiter daran teilnehmen. 

Dafür braucht es viel Verständnis und auch Wissen. Die Caritas-Mitarbeiterin und Leiterin des Bremer Dienstleistungszentrums Huckelriede/Buntentor hat deshalb das Projekt „Demenz aktiv – Neustädter miteinander füreinander“ in der Bremer Neustadt mit ins Leben gerufen. Über die Krankheit, sagt Kleine-Kuhlmann, sei trotz ihrer Häufigkeit zu wenig bekannt. „Vergesslich“, ,,orientierungslos“, ,,unkontrolliert“, ,,teilnahmslos“ – diese Stempel würden den Betroffenen oft aufgedrückt. Sie wünscht sich, dass die Menschen im Stadtteil aufmerksamer werden und nicht ratlos und unsicher sind, wenn ein älterer Mensch in der Bäckerei fünf Brote kauft, bei der Bank 5000 Euro abhebt oder auf dem Wochenmarkt herumirrt. 

Ruhig bleiben und in einfachen Sätzen reden 

Maskottchen ist die Skulptur des Gauklers
mitten in der Bremer Neustadt.

„Einem Demenzkranken darf man zum Beispiel nicht sagen, dass er etwas falsch macht, er geht dann sofort in eine Verteidigungshaltung“, erklärt Kleine-Kuhlmann. Sie rät, ruhig zu bleiben und in einfachen Sätzen zu reden. „Auch wenn der Kranke Namen und Gesichter vergisst – das menschliche Miteinander nimmt er weiter wahr.“

Im Projekt geplant sind Filme, Musikangebote, Tanz, Spaziergänge, Gottesdienste, die auf die Bedürfnisse der Demenzkranken eingehen, oder Vorträge über die Anzeichen der Krankheit. Das Programmheft liegt an unterschiedlichen Stellen im Stadtteil aus, unter anderen in den Dienstleistungszentren der AWO und der Caritas, bei der Bremer Heimstiftung, den Johannitern und der Freien Christengemeinde. „Langfristig geht es uns darum, Gruppen und Einrichtungen so weit zu öffnen, dass Demenzkranke bleiben können: im Wanderverein, im Chor, in der Sportgruppe – und dass sich niemand schämt, in diese offenen Gruppen zu gehen“, sagt Kleine-Kuhlmann. Es müsse möglich sein, Demenz aus der Tabu Ecke zu holen und sachlich darüber zu reden. Denn: „Die Betroffenen definieren sich nicht nur über ihre Krankheit, sie leben weiter als Menschen unter uns. Und so sollten wir sie auch behandeln.“

Gaukler trägt bunten Schal bei Veranstaltungen

Die Bremer Neustadt ist ein bunter Stadtteil. Mit vielen älteren Menschen – es gibt vier Pflegeheime mit Kurzzeitpflege –, aber auch vielen kleinen kulturellen Initiativen, Cafés, Geschäften und jungen Familien. Maskottchen des neuen Projektes ist der Gaukler auf dem Leibnitzplatz, mitten in der Neustadt. Der Worpsweder Bildhauer Christoph Fischer schenkte die Skulptur einst der bremer shakespeare company. Dem Gaukler mitten auf der Kreuzung wird ein Spiegel vorgehalten, und er wird animiert für Posse oder ernstes Spiel. An Veranstaltungstagen von „Demenz aktiv“ soll er als Signal einen bunten Schal tragen.

Anja Sabel

 

 

Zur Sache

Zur Planungsgruppe „Demenz aktiv“ gehören AWO, Caritas Bremen, Bremer Heimstiftung, Johanniter, die Seniorenvertretung der Stadtgemeinde Bremen und das Sozialwerk der Freien Christengemeinde. Sie wird unter anderem unterstützt durch den Beirat Neustadt. Maskottchen des Projektes ist der Gaukler. An Veranstaltungstagen soll die Skulptur auf dem Leibnizplatz einen bunten Schal tragen. Nächstes Begegnungstreffen: 19. Oktober, 15 Uhr, Begegnungsstätte Buntertor: Freimarktfeier mit Schlagern und Tanz. Kontakt: Gabriele Kleine-Kuhlmann, Telefon 04 21/87 34 10.