15.11.2016

Zu Christkönig: Jesus und König David

In Davids Fußstapfen

Jesus stammt aus dem Hause Davids. Ist Jesus, der „Christkönig“, also quasi der legitime Nachfolger von König David? Ein Essay über die davidische Herkunft Jesu und warum sie vielleicht doch nicht ganz so wichtig ist.

Die Christkönigsstatue im polnischen Swiebodzim wurde 2010 errichtet.
Foto: wikimedia

Es ist schon seltsam, dass Jesus bis in die heutigen Tage in Liturgie und Gebet als König bezeichnet wird, der aus König Davids Haus stammt und über die Welt herrscht – wo heute doch eigentlich ganz andere Herrschaftsformen geschätzt werden. Schaut man in das Alte Testament, war das damals im Grunde auch nicht anders. Das Königtum wird dort äußerst kritisch gesehen. Eigentlich sollte es überhaupt nicht in Israel existieren, war sozusagen nur ein Kompromiss zwischen Gott und Israel. Im ersten Buch Samuel 8,7-8 sagt Gott darum: „Mich haben sie verworfen: Ich soll nicht mehr ihr König sein. Das entspricht ganz ihren Taten, die sie getan haben, seitdem ich sie aus Ägypten heraufgeführt habe, bis zum heutigen Tag; sie haben mich verlassen und anderen Göttern gedient.“ Wenn Gott also von seinem Königtum verdrängt wurde: Was soll dann noch Gutes daraus entstehen?

 

Etwas Auf und viel Ab in der Qualität der Könige

Doch zeigt sich in den ersten drei Königen Israels durchaus eine Steigerung: Hat Saul im Alten Testament nur zu Beginn seines Königtums einige gute Taten zu verzeichnen, bevor er von Gott ab- und dem Wahnsinn verfällt, sieht das bei seinem Nachfolger David schon anders aus, scheint er doch ein König zu sein, der Gott gefällt. Allerdings fallen auf seine Amtszeit auch Schatten: Er lässt Hofintrigen zu, zieht große Schuld auf sich, als er den Hetiter Urija quasi umbringen lässt, um seine Frau Batseba für sich zu gewinnen, und wird von Gott letztlich nicht für würdig befunden, den Tempel zu bauen. Dies gesteht Gott erst seinem Sohn Salomo zu, der – obwohl weniger besungen und gerühmt als David – seinen Vater an Weisheit, Reichtum und Machtentfaltung überstrahlt, wenn man den Berichten der Königsbücher folgt. 

Danach allerdings gibt es einen steten Abstieg. Kaum ein König kann vor Gottes Augen bestehen, von den meisten weiß die Bibel zu berichten, dass sie nicht das taten, was in den Augen Gottes gut war. Und das Königtum Israels endet schließlich im Untergang und in der Eroberung durch fremde Mächte. Kein Wunder, dass das Königtum in Israel alles in allem nicht besonders beliebt war. Und trotzdem sollte ein prophetischer Text eine enorme Wirkungsgeschichte entfalten. In 2 Samuel 7 lässt Gott durch den Propheten Natan dem König David folgende Nachricht über seinen Nachfolger zukommen: „Meine Huld aber soll nicht von ihm weichen ... Dein Haus und dein Königtum sollen durch mich auf ewig bestehen bleiben; dein Thron soll auf ewig Bestand haben.“

Obwohl das Königtum in Israel und Juda untergegangen war, konnte man mit Prophezeiungen wie dieser weiter daran glauben, dass einmal ein neuer König auferstehen würde: ein neuer David, der Messias, der Retter Israels! Dabei war durchaus offen, wie ein solcher Messias aussehen würde. So lassen sich sowohl Texte finden, die einen mächtigen König nach dem Vorbild Davids erwarten, der sein Volk wieder zu Macht und Ansehen führt, als auch Texte, wie das 11. Kapitel des Jesajabuchs, wo dieser Nachkomme Davids ein Friedensbringer für die ganze Welt ist: „Doch aus dem Baumstumpf Isais (Davids Vater) wächst ein Zweig hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm.“ Kein Wunder, dass solche Prophezeiungen mit dem Auftritt Jesu verknüpft wurden.

Und so wundert es auch nicht, dass Jesus in zwei Evangelien aus dem Stammbaum Davids erwächst. Allerdings wird David im Stammbaum in Lukas 3 nicht besonders herausgehoben, und in Matthäus 1 wird er zwar als König benannt, aber zusammen mit seiner größten Schuld, der Sache mit der Frau des Urija. Um Jesus einen königlichen Anstrich zu geben, taugt das wenig.

 

Jesus, der König, spielt in der Bibel kaum eine Rolle

Statue von König David (um 1797) in der Kathedrale D'Osca
in Spanien. Foto: wikimedia

Das Gros der neutestamentlichen Schriften bemüht die Verbindung zwischen David und Jesus sowieso wenig – und wenn, dann nicht, um Jesus als neuen König dastehen zu lassen. So ruft der blinde Bettler Bartimäus zwar nach dem „Sohn Davids, Jesus“, aber es geht ihm um Heilung, wie auch Salomo, der Sohn Davids, sie bewirkt hat. Und im Johannesevangelium überlegen die Menschen, dass Jesus gerade nicht der königliche Messias sein könne, da er aus Galiläa sei und eben nicht ein Nachkomme Davids aus Betlehem (7,42). Es scheint also so, als ob das Königtum Davids bei der Deutung Jesu keine Rolle spielt.

Viel wichtiger ist der Psalmendichter David, dem die Hälfte der biblischen Psalmen zugeschrieben wird. Und die meisten Prophezeiungen des Neuen Testaments über Jesus sind dem Psalmenbuch entnommen. Etwa in der Pfingstpredigt des Petrus (Apg 2,29-36). Dieser sagt dort, dass David ein Prophet gewesen sei und vorausschauend über die Auferstehung Jesu gesagt habe: „Er gibt ihn nicht der Unterwelt preis und sein Leib schaut die Verwesung nicht“ (nach Psalm 16). Zudem habe David über Jesus prophezeit, dass dieser einmal zur Rechten Gottes sitzen werde (nach Psalm 110).

Auch wenn die Zusammenhänge zwischen David und Jesus in den verschiedenen Traditionen noch viel komplizierter sind: Weder das Königtum Davids, noch nicht unbedingt einmal die davidische Abstammung haben in der Deutung Jesu eine große Rolle gespielt. Tatsächlich wurde ein weltliches Königtum für Jesus abgelehnt, dafür aber bevorzugt Davids Psalmen als Prophezeiungen über Jesus bemüht. David wird im Neuen Testament also vielmehr als Wegbereiter Jesu gesehen – und nicht Jesus als Nachkomme Davids.

Von Christoph Buysch