Comics mit Allah im Herzen

Sie hat ihr Hobby zum Lebensinhalt gemacht: Seit vier Jahren zeichnet Soufeina Hamed ihren Alltag als Muslima in Comics. Was als Experiment begann, fördert nun humorvoll  den Dialog zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

 

Auf den Punkt bringen: Die Osnabrücker Studentin will in ihren Comics
den Dialog zwischen den Menschen verstärken. Foto: Anna Eckart

Die Dinge, die sie zeichnet, sind eigentlich nicht außergewöhnlich. Eine junge Frau, die spazieren geht, Tee trinkt und Bahn fährt. Ganz normale Alltagsszenen. Eigentlich. Denn die Bilder zeigen die Künstlerin selbst, so wie sie ist – mit Kopftuch.  „Zeichnen ist meine Leidenschaft“, erzählt Soufeina Hamed. Ob Nachdenkliches oder Lustiges: Die junge Muslima probierte verschiedene Stile aus und blieb schließlich bei Comics hängen.

In ihren Zeichnungen sind Mädchen mit bedecktem Kopf zu sehen, die vor alltäglichen Hürden stehen. Die meisten Figuren sind in zwei Kulturen aufgewachsen und wollen sich nicht für eine entscheiden. Ihrem Umfeld können sie aber nichts recht machen. Die einen sehen sie als altmodische Muslima, die anderen als viel zu modern. Und manchmal will einfach das Kopftuch nicht sitzen.

Hameds Charaktere verzweifeln aber nicht nur, sie freuen sich auf den islamischen Fastenmonat „Ramadan“, joggen und tauschen sich aus. Die 23-Jährige stellt das Leben so dar, wie es mit seinen unterschiedlichen Facetten ist. Beinahe jedes Mal hat ihre Protagonistin eine Freundin dabei, die sich äußerlich von ihr unterscheidet und kein Kopftuch trägt.

Die junge Künstlerin Hamed ist in Tunesien geboren, in Berlin aufgewachsen und studiert derzeit Interkulturelle Psychologie in Osnabrück. Während ihres Abiturs beginnt sie 2009 unter dem Synonym „tuffix“ ihre Zeichnungen auf die Künstlerplattform „deviant art“ zu stellen. „Eine Freundin brachte mich auf die Idee. Ich fand es spannend, was für Rückmeldungen ich wohl bekommen würde“, erzählt sie.

Mit Bildern den Nerv der Zeit treffen

Anfangs waren es Bilder von einer Frau, die ein Buch liest oder Ähnliches. Später stellte sie jedoch eine Illustration ins Internet, in welchem eine junge Muslima in der U-Bahn sitzt und wie ein Alien angestarrt wird. Denn sie trägt – so wie Soufina Hamed – ein Kopftuch. „Das Bild wurde lebhaft diskutiert“, erinnert sich Hamed. „Auch viele Muslime meldeten sich zu Wort.“ Sie hatte  damit einen Nerv getroffen und zeichnete weiter. Das Interesse an der Thematik und ihren Bildern war schlagartig da.

„Ich fing an, meine Comics mit religiösen Themen und Geschichten zu füllen.“ Und das löst bis heute viele verschiedene Reaktionen von Nichtmuslimen und Muslimen aus: „Die Menschen schreiben dann sowas wie ‘Schön, einfach wundervoll‘ oder auch ‘Möge Allah dich segnen‘ – so etwas motiviert mich dann in meiner Arbeit“, verrät die junge Frau und lächelt stolz.

Die ungewöhnliche Cartoonistin nimmt aber auch negative Kommentare wahr und versucht, darauf einzugehen: „Besonders wenn ich merke, da ist jemand unsicher mit dem Thema, lasse ich mich darauf ein.“ Und bei manchen habe das schon etwas bewegt. „Ich erreiche die Menschen ganz anders. Sie zeigen ihre Gefühle und Reaktionen offener und man wird persönlicher.“

Die junge Studentin aus Osnabrück freut sich, wenn sie offen auf Fragen und Unstimmigkeiten eingehen kann. Denn Verständnis füreinander sei die Basis für ihre Arbeit. Doch es ist mehr als das: „Für mich ist mein Können ein Hobby, aber ein Leben ohne Zeichnen kann ich mir nicht mehr vorstellen.“

Die Themen in ihren Comics sind aber nicht durchweg religiös. Und genau das mache den Bogen der Leserschaft, so unwahrscheinlich vielschichtig, bemerkt Reinhold Zwick, Professor für Biblische Theologie und ihre Didaktik der Universität Münster.Comics als Kunstform und Medium gibt es schon lange. „Besonders im 19. Jahrhundert waren sie sehr beliebt. Jedermann versteht sie.“

Probleme und Fragen werden gleichermaßen angesprochen

Das Prinzip ist einfach: Eine Zeichnung wird dargestellt und mit kurzen aussagekräftigen Sätzen gefüllt. So werden die Comics als grafische Erzählstrategie genutzt, um eine Botschaft zu transportieren. „Von daher ist es ganz klar eine gute Form, auch recht heikle Themen mit Humor auf den Tisch zu bringen und anzusprechen“, bemerkt Zwick.

Der Glaube werde bei Illustrationen, wie von der jungen Hamed, in keiner Weise negativ dargestellt. „Bewusst setzt die Künstlerin gewonnene Eindrücke aus dem Leben und verbildlicht sie.“ Wer sich die Comics anschaue, werde durch die liebevollen Zeichnungen angesprochen. Sie fesselten geradezu und machten Lust auf mehr. Trotzdem würden auch ernste Themen behandelt: „Solche Comics werden zum Gegenstand moderner religiöser Reflexion. Probleme und Fragen werden gleichermaßen angesprochen.“ Für Zwick bieten Illustrationen wie die von der 23-jährigen Muslima eine wunderbare Möglichkeit sich frei mit dem Thema Glaube, aber auch mit religiösen Symbolen auseinanderzusetzen.

„Der jungen Künstlerin ist es gelungen, Vorurteile zwischen den Kulturen darzustellen und aufzuheben.“ Zwick rät, sie nicht nur im Internet oder bei Ausstellungen zu verbreiten. „Auch bei Kindern sollten sie eingesetzt werden. Weil die Comics nicht provozieren, können sie den Kindern ein sympathisches Bild vom Islam vermitteln.“ Das liegt nach Zwick daran, dass die Hauptperson nett rüberkommt. „Vorurteile und Klischees können auch im Unterricht gezielt thematisiert und überdacht werden.“

Jung und Alt spricht Hamed gleichermaßen an. Besonders für junge Erwachsene bieten Comics in Kombination mit sozialen Netzwerken einen Raum, um sich über Religion an sich auszutauschen. „Auf eine lockere Art miteinander über den Glauben in Kontakt zu kommen, ist ein großer Verdienst der Künstlerin“, hält Reinhold Zwick fest. „Es werden nicht nur Christen, sondern auch nichtgläubige Menschen angesprochen.“

Ob gläubig oder nicht – es geht in Soufeina Hameds Comics darum, Muslime als normale Menschen im Alltag darzustellen. Sie möchte die eigene Kultur bewahren und andere anerkennen.

Anna Eckart