02.03.2017

Ökumenebeauftragter des Bistums spricht über den Reformator

„Luther für Katholiken“

Domkapitular Reinhard Molitor ist Ökumenebeauftragter des Bistums. Zurzeit ist er mit einem Vortrag über Martin Luther unterwegs. Und er bereitet einen besonderen Gottesdienst vor, der am 12. März in Osnabrück gefeiert wird.

 

Was dachte sich Martin Luther? Darüber spricht der Ökumenebeauftragte des Bistums Osnabrück. Foto: fotolia

Als Reinhard Molitor in den 50er Jahren im Schatten des Osnabrücker Doms aufwuchs, war Ökumene kaum ein Thema. Kontakte zu anderen Konfessionen als der eigenen waren die große Ausnahme. Man blieb gerne unter sich – in der Kirchengemeinde, in der Schule, in der Geschäftswelt. Molitor war zwölf, als er bei evangelischen Nachbarn zum ersten Mal eine Luther-Bibel in die Hand nahm und sich dann auch dafür zu interessieren begann. Eine andere evangelische Familie besaß einen Fernseher, „und wir trafen uns dort, um ,Lassie‘ zu gucken.“ Doch erst kurz vor dem Abitur betrat er zum ersten Mal die evangelische Marienkirche, obwohl sie nur einen Steinwurf entfernt vom Dom gelegen ist. Und so wundert er sich auch nicht, wenn er heute als Seelsorger Geschichten erzählt bekommt, wie die von den Eheleuten, die im vergangenen Jahr goldene Hochzeit feierten. Der Mann war erst vor der Eheschließung katholisch geworden, sein Vater nahm daraufhin nicht an der Feier teil und besuchte die junge Familie zum ersten Mal auch erst Jahre später.

500 Jahre Reformation haben ihre Spuren hinterlassen. Darum geht es bei einem ökumenischen Gottesdienst in der evangelische Katharinenkirche am 12. März (siehe „Termin“), bei dem sich mehrere Konfessionen gegenseitig um Entschuldigung bitten wollen für das, was sie sich im Laufe der Jahrhunderte gegenseitig angetan haben. Molitor sitzt im Vorbereitungskreis und lässt keinen Zweifel an der Wichtigkeit des Vorhabens. Kürzlich ist er gefragt worden, was seine Visionen als Ökumenebeauftragter sind. „Ich könnte mit dazu beitragen, dass wir noch mehr eine Kirche sind“, hat er geantwortet. Dass der Papst in Lund war, dass führende Protestanten aus Deutschland im Vatikan waren – „das zeigt doch, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt er.

Dabei wehrt er sich gegen eine „Ökumene auf dem niedrigsten Nenner“, wie er es nennt. Vielmehr stellt er sich eine gegenseitige Bereicherung vor, eine Kirche, in die die Katholiken die Feier der Sakramente und der Eucharistie einbringen und die Protestanten die Orientierung an Jesus Christus und an der Heiligen Schrift. Wie das konkret aussehen kann, weiß auch Molitor heute noch nicht: „Wir sollten den Heiligen Geist bitten, dass er uns zeigt, wie wir auf dem Weg zu einer Kirche weiterkommen.“

„Luther für Katholiken“ heißt sein Vortrag, mit dem er derzeit in evangelischen wie in katholischen Gemeinden und Einrichtungen unterwegs ist. Vor allem bei den Katholiken stößt er oft auf Verwunderung: „Wir wussten ja gar nicht, wie nahe uns Luther eigentlich ist!“ – mehr als einmal hat er diese Reaktion gehört. Manchmal muss er erst mit überlieferten Vorstellungen aufräumen. Zum Beispiel, dass Luther beileibe nicht vorhatte, die Kirche zu spalten, eine neue Konfession zu gründen. Oder der vermeintliche Anschlag der Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Für ein Seminar bei der Erwachsenenbildung hat er gerade die 95 Thesen abgetippt. „Das sind sechs eng beschriebene Schreibmaschinenseiten geworden, mit den damaligen Mitteln hätte das nie auf ein ausreichend großes Stück Papier gepasst.“

Er war gebrandmarkt, er war sprachgewaltig

Domkapitular Reinhard Molitor ist Ökumenebeauf-
tragter des Bistums Osnabrück. Foto: bpo/Hermann
Haarmann

Molitor geht auch auf die Inhalte ein, zum Beispiel die Thesen, die sich mit dem Geschäft des Ablasses beschäftigten. „Die Kirche hat den Gläubigen damals vorgegaukelt, sie könnten mit Geld dafür sorgen, dass ihre Angehörigen ein paar Tage weniger im Fegefeuer brennen müssten“, erklärt er. „Das ist schon eine seltsame Vorstellung, und Luther hat mit dem Finger darauf gezeigt.“ Molitor erklärt aber katholische Positionen, zum Beispiel, dass es durchaus sinnvoll ist, für Verstorbene zu beten, „aber wir dürfen das dann nicht so berechnen“. „Er hat gebrandmarkt, er war sprachgewaltig, und er hat manchen Wirkungstreffer erzielt – um es mit einem Begriff aus dem Boxsport zu umschreiben“, sagt Molitor und lächelt.

Am Ende der Ausführungen des Ökumenebeauftragten können die katholischen Zuhörer diesen Martin Luther, der ja von Haus aus selbst Katholik war, besser kennenlernen. Seine kluge Wortwahl, als er Kirchenobere dazu aufforderte, seine Vorstellungen mittels Bibelzitaten zu widerlegen. Auch seine Wutausbrüche und Schimpfereien, mit denen er zum Ende seines Lebens den Papst überzog. Schließlich seine Spiritualität, die in seinen Liedern deutlich wird und seine geistliche Quelle: In einer Zeit, in der den Gläubigen vor allem der strafende Gott vor Augen geführt wurde, glaubte Luther an den barmherzigen Vater, der die Menschen liebt.

Reinhard Molitor ist mit seinen Vorträgen weiter unterwegs. Eine besondere Herausforderung stellt sich ihm jetzt bei einem Seminar für die Erwachsenenbildung. Angesagt hat sich eine Gruppe Hörgeschädigter, deshalb werden seine Worte in Gebärdensprache übersetzt. „Ich muss besonders einfach sprechen“, sagt er. „Wie ich das mit dem Kirchenschatz erkläre, der zum einen die Heiligen meint, zum anderen aber auch das Geld, muss ich noch überlegen.“

Matthias Petersen

 

 

Die Erinnerung heilen – besonderer Gottesdienst

„Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“ – unter dieser Überschrift steht ein Gottesdienst der christlichen Kirchen in Niedersachsen, der am Sonntag, 12. März, um 17 Uhr in der Osnabrücker Kirche St. Katharinen gefeiert wird. Die Leitung haben Bischof Franz-Josef Bode und Landesbischof Ralf Meister, weitere Bischöfe und christliche Vertreter sind beteiligt. „Healing of memories“ war für die zerstrittenen Schwarzen und Weißen in Südafrika das Stichwort, unter dem sie sich nach dem Ende der Apartheid zusammensetzten. Und auch die Christen wollen sich so gegenseitig das vergeben, was sie sich im Laufe von fünf Jahrhunderten angetan haben. Osnabrück ist nicht zufällig gewählt, als Stadt des Westfälischen Friedens wird hier schon lange eine gute Ökumene gepflegt. Und auch die Kirche St. Katharinen hat ihre Bedeutung: Hier traf sich die schwedische Gesandtschaft während der Friedensverhandlungen im Jahr 1648 zum Gebet. (pe)

 

 

Vorträge „Luther für Katholiken"

Domkapitular Reinhard Molitor spricht über Luther aus katholischer Sicht demnächst an folgenden Orten:
in Wallenhorst am Mittwoch, 8. März; im Kloster Frenswegen am Mittwoch, 5. April; am Freitag, 2. Juni, in Twistringen; am Mittwoch, 7. Juni, in Neustadtgödens; am Mittwoch, 23. August, in Bassum; am Mittwoch, 6. September, in Osnabrück (St. Bonifatius); am Dienstag, 10. Oktober, in Bohmte. – Um „ökumenische Chancen“ geht es in einem Vortrag in Hunteburg am Samstag, 4. März; in Bremen (St. Katharina) am Dienstag, 16. Mai; in der Familienbildungsstätte Osnabrück am Dienstag, 23. Mai; in Dalum am Dienstag, 20. Juni; in Osnabrück am Freitag, 13. Oktober.

Ein Kurs über Luthers Thesen und Theologie startet am 7. März in der Familienbildungsstätte Osnabrück (www.keb-os.de). Molitor spricht beim ökumenischen Osterempfang in Emden am Samstag, 22. April, und bei der Eröffnung der Ökumeneausstellung in Bremen (St. Katharina) am Freitag, 5. Mai, und feiert den ökumenischen Feldgottesdienst in Schüttorf am Donnerstag, 25. Mai. Außerdem ist er beteiligt an einem Aufbaukurs Seelsorge/Ökumene im Lingener Ludwig-Windt­horst-Haus vom 16. bis 18. August.

Das Reformationsgedenken steht außerdem bei folgenden Veranstaltungen im Fokus:
Ankum: „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“ – ökumenischer Versöhnungsgottesdienst am Sonntag, 12. März, um 19 Uhr in der katholischen Kirche. Musik macht die Gruppe „Ton-Art“ aus Nortrup.
Lingen: Am Mittwoch, 8. März, wird um 20 Uhr im Theater an der Wilhelmshöhe das Schauspiel „Martinus Luther“ von John von Düffel aufgeführt. Dabei spielt sich die Geschichte von Martin Luther – fernab von Historienspektakel und konfessioneller Festlegung – aus heutiger Sicht noch einmal ab. Karten zum Preis von 18,50 Euro bis 23,50 Euro gibt es im Vorverkauf bei der Tourist Info (www.lingen.de).
Rulle: Die Wanderausstellung „Miteinander leben?“ über Reformation und Konfession im Osnabrücker Land zwischen 1500 und 1700 ist vom 19. April bis 7. Mai in St. Johannes zu sehen.