01.02.2017

Leser fragen. Experten antworten.

„Demenz ist keine Katastrophe"

Aber die Krankheit ist in einer beschleunigten Zeit eine große Herausforderung, betont Ursula Sottong. Die Ärztin und Gesundheitswissenschaftlerin leitet bei den Maltesern Deutschland die Fachstelle Demenz. Sie möchte Ängste und Unsicherheiten abbauen.

 

Den Moment genießen, aber auch Vorsorge treffen, das tut Demenzkranken und ihren Angehörigen gut. Foto: pa

Woran erkenne ich, dass es um eine Demenz geht und nicht um eine allgemeine Vergesslichkeit im Alter?

Vergesslichkeit allein ist noch keine Demenz, kann aber Vorbote einer späteren Erkrankung sein. Bei einer Demenz muss immer ein zweites Symptom dazukommen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn jemand auch in der zeitlichen oder räumlichen Orientierung Probleme hat: wenn er Uhrzeiten, Tagesverlauf, Datum und Wochentage durcheinanderbringt, öfter nicht mehr nach Hause findet oder große Umwege macht. Oft bauen die Betroffenen eine Fassade auf, wollen die Ausfälle vertuschen. Es gibt Diskussionen, manchmal Eskalationen. Die Symptome sollten nicht vorübergehend sein und mindestens seit sechs Monaten vorliegen.

Soll ich meinen Angehörigen mit dem Wort Demenz konfrontieren? Wie wichtig ist eine Diagnose?

Jemanden direkt mit dem Verdacht auf eine Demenz zu konfrontieren, ist sicher nicht ratsam. Aber man sollte schon raten, zum Hausarzt zu gehen. Oft haben ältere Menschen Mangelerscheinungen oder Grunderkrankungen, die zu ähnlichen Symptomen führen können und deshalb überprüft werden sollten. Auch eine Tumorerkrankung muss ausgeschlossen werden. Es gibt einfache kognitive Tests und Diagnostiken, die Sicherheit bringen. Eine Diagnose ist sehr wichtig, um handeln zu können. Man kann Demenz nicht heilen, aber die Symptome lindern und den Prozess entschleunigen. Diese Chance sollte jeder nutzen! Auch für die Beantragung von Hilfen muss immer eine Diagnose vorliegen.

Was kann man tun, um die Leistungsfähigkeit möglichst lange zu erhalten?

Ein großer Fehler ist es, Demenzkranken nichts mehr zuzutrauen. Menschen mit Demenz können oft noch vieles leisten! Wenn sie aber ihre Fähigkeiten nicht mehr nutzen, dann verkümmern sie umso schneller. Wenn die Mutter zum Beispiel nicht mehr bügeln kann, kann sie vielleicht noch die Wäsche zusammenlegen. Klappt das Rosenschneiden nicht mehr, kann der Vater eventuell im Garten etwas umgraben oder Laub harken. Auch beim Anziehen und beim Essen sollten die Angehörigen nicht ungeduldig werden, sondern genügend Zeit lassen und nur da Hilfestellung geben, wo es nötig ist. Wir können Demenzkranke nicht beschleunigen, nur uns entschleunigen.
Angehörige sollten sich unbedingt Unterstützung holen und offen über die Situation reden. Demenz ist keine Katastrophe, aber eine Herausforderung. Wir hätten in der Regel gerne, dass alles so bleibt, wie es ist. Doch das ist kaum möglich. Das Versprechen „in guten und in schlechten Tagen“ ist eine Herausforderung. Um dem gerecht zu werden, ist es wichtig, sich beraten und schulen zu lassen, um zu verstehen, was passiert, und helfen zu können.

Ist es möglich, einen Demenzkranken zu Hause zu betreuen?

Das Beste für Demenzkranke ist es, möglichst lange in den eigenen vier Wänden, in der gewohnten Umgebung zu bleiben. Das stabilisiert sie. Daher sollten Angehörige sich rechtzeitig Hilfe holen und sich ehrlich fragen, was sie leisten können. Das Versorgungskonzept der Kranken- und Pflegekassen sieht gute Möglichkeiten vor. Mit der Reform des Pflegestärkungsgesetzes wurden die Leistungen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen deutlich verbessert. In der Spätphase der Demenz kann ein Pflegeheim dann eine große Entlastung sein.

Was kann ich vorbeugend gegen eine Demenz tun?

Der größte Risikofaktor für eine Demenz ist das Alter. Und die Menschen werden immer älter. Aber eine gesunde Ernährung, viel Bewegung und unterschiedliche Aktivitäten sind sicher eine gute Demenzprophylaxe. Auch soziale Kontakte sind wichtig. Man sollte sich immer wieder anregen lassen, Neues zu lernen, neue Herausforderungen anzunehmen. So kann man eine Demenz zwar nicht verhindern, sie aber herauszögern und abmildern.

Was raten Sie Angehörigen?

Sie sollten auf den Moment sehen, jeden Tag neu starten. Was können wir genießen? Was geht noch? Wo brauchen wir Unterstützung? Die Befürchtung, was alles auf sie zukommen kann, belastet viele sehr. Und leider gibt es noch kein „Erzählwissen“ über die Begleitung von Demenzkranken. Dieses Generationenwissen muss sich erst entwickeln.

Interview: Astrid Fleute

www.wegweiser-demenz.de
www.malteser-demenzkompetenz.de

 

 

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